Verkehrswende : Das Ende des Verbrennungsmotors

Ob Autos mit CO2-Ausstoß endgültig abgelöst werden, gehört zu den Themen einer neuen Denkfabrik. Der ehemalige Unep-Chef Achim Steiner unterstützt die Klimavordenker in Berlin.

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Um die Nutzung von E-Autos voranzutreiben, dürfen Städte ihren Besitzern Sonderrechte geben. Allerdings machen nur wenige Kommunen davon Gebrauch.
Um die Nutzung von E-Autos voranzutreiben, dürfen Städte ihren Besitzern Sonderrechte geben. Allerdings machen nur wenige Kommunen...Foto: Jan Woitas/dpa

Seit einer Woche ist Achim Steiner nicht mehr Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Nach zehn Jahren hat er Unep verlassen. Am Freitag übernahm er eine neue Rolle – den Beiratsvorsitz bei Agora Verkehrswende, einem neuen Thinktank, der ebendiese voran bringen soll. Die Mercator-Stiftung der Gründungsfamilie des Handelskonzerns Metro und die European Climate Foundation (ECF) finanzieren die neue Agora. Die ECF finanziert vor allem die Entwicklung von wirksamer Klimapolitik. Agora Verkehrswende funktioniert nach dem Vorbild von Agora Energiewende, einem einflussreichen Akteur in der Energiedebatte. Ihr neuer Geschäftsführer Christian Hochfeld soll nun die Debatte über eine klimagerechte Verkehrswende anstoßen.

Beim Auftakt drängten sich gut 100 Gäste in einem viel zu kleinen Versammlungssaal am Hackeschen Markt. Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth (SPD) sprach am Freitag vom Ende des Verbrennungsmotors um das Jahr 2030 und von der „nicht mehr zeitgemäßen Raumaufteilung in den Städten“. Im Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung wird das Jahr 2030 ebenfalls als Schlüsseljahr für die Autoindustrie genannt. Von da an könnten Fahrzeuge mit Kohlendioxidausstoß womöglich nicht mehr zugelassen werden. Jedenfalls dann nicht mehr, wenn Deutschland es ernst meint mit der Ankündigung, seine Volkswirtschaft bis 2050 weitgehend von Kohlendioxidemissionen befreit zu haben (Dekarbonisierung).Mit der nicht mehr zeitgemäßen Raumaufteilung meint Flasbarth, dass Autos in den Städten überproportional viel Platz bekommen, während sich Radfahrer und Fußgänger – oft auf gemeinsamen Wegen – drängeln müssen.

Mehr Lebensqualität in den Städten

Genau diese Themen will Christian Hochfeld mit der Agora Verkehrswende in Angriff nehmen. Er sagt: „Die Verkehrswende wird in den Städten entschieden. Und sie werden auch die größten Profiteure sein.“ Hochfeld, Flasbarth und Steiner sprachen die Luftverschmutzung an, die allen Städten zusetzt, nicht nur den Megastädten in China, Indien oder Mexiko. Steiner weiß, dass „das Wort Verkehrswende bei vielen erst einmal Ängste auslöst“, in der Autoindustrie – am Freitag waren BMW und VW vertreten – vor allem die Angst, Märkte zu verlieren. Aber, sagt Steiner, „das Risiko keiner Verkehrswende ist noch höher“. Außerdem biete sie auch „enorme Chancen für Innovationen, neue Geschäftsmodelle und mehr Lebensqualität in den Städten“.

Steiners Vorgänger bei Unep, Klaus Töpfer, mahnte eine „gerechtere Kostenverteilung“ für die Energie- und die Verkehrswende an. Er plädiert dafür, die Forschung und Entwicklung in diesen Sektoren aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren und nicht direkt auf die Verbraucher abzuwälzen. Die Verkehrswende solle auch nicht mit einer „Antriebswende für Autos“ verwechselt werden. „Auch Elektroautos erzeugen Staus, und die Ressourcenkurve ist nicht unproblematisch“, sagte er. Er riet der Autoindustrie und ihren Zulieferern, beizeiten zu reagieren.

Helge Pols, Referatsleiter Energie und Klimaschutz im Verkehrsministerium, mühte sich darum, dem Image seines Hauses etwas entgegenzusetzen. Pols behauptete: „Wir sind nicht der Bremser der Energiewende.“ Allerdings „müssen wir realistisch sein“. Es wäre falsch, „Geschäftsmodelle über Bord zu werfen“, mahnte er. „Der Übergang muss strukturiert und verantwortlich sein.“ Auf 2030 als Enddatum für den Verbrennungsmotor wollte sich Pols lieber nicht festlegen.

Thomas Becker von BMW berichtete, welchen Umbruch seine Branche gerade erlebe. Statt Öl zu verbrennen, sollen sich Autos nun elektrisch bewegen. Das eherne Gesetz, dass es Flexibilität und ein individuelles Mobilitätsmanagement nur dann gebe, wenn ein eigenes Auto auf dem Parkplatz stehe, werde ebenfalls durchbrochen. Mit der Digitalisierung und Carsharingsystemen werde das Management der Fahrzeuge zumindest teilweise abgegeben. Die Gewissheit, „ohne die, mit denen ich nicht will“, zu fahren, würde damit aufgegeben. Becker war sich nicht sicher, „wie schnell sich die Kunden davon überzeugen lassen“.

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