Politik : Versuchtes Attentat: Lunte am Schuh

Friedemann Diederichs

Als die ersten Passagiere des American-Airline-Flugs 93 am Samstagnachmittag im Terminal des Flughafens Boston eintreffen, steht ihnen der Schock ins Gesicht geschrieben. Die meisten weinen, einige umarmen sich. Auf dem Rollfeld steigt unterdessen eine Stewardess im rot-schwarzen Kostüm in einen Rettungswagen, die linke Hand dick verbunden. Sie ist die Heldin des Tages, die eine Katastrophe in mehr als 11 000 Metern Höhe über dem Atlantik verhindert hat. "Sie hat unsere Leben gerettet", loben die Reisenden die Frau, eine mit mehr als 15 Dienstjahren erfahrene Flugbegleiterin. Aktuell Newsticker: Schlagzeilen aus aller Welt
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Sie handelte ohne zu zögern, als ein Reisender in Reihe 29 der Touristenklasse plötzlich ein Streichholz anzündete und an eine Lunte hielt, die zu einem seiner Schuhe führte. Mit den Händen schlug die Stewardess die Flammen aus, dann kamen ihr andere Passagiere zur Hilfe und überwältigen den wild um sich schlagenden und beißenden, rund 90 Kilo schweren Mann. Dieser hatte in Paris beim Einsteigen keinerlei Argwohn erregt, obwohl er für die Reise in die USA kein Gepäck bei sich führte.

185 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder befanden sich an Bord der Boeing 767, die in Paris gestartet war und ursprünglich im Sonnenparadies Miami landen sollte. Unmittelbar nach der Landung in Boston, dem nächsten Flughafen nach dem Vorfall, stellten FBI-Beamte nicht nur fest, dass der von zwei mitreisenden Ärzten an Bord mit insgesamt drei Spritzen ruhig gestellte Mann über einen offenbar gefälschten britischen Pass auf den Namen "Richard Reid" verfügte. Erst später sagte er gegenüber der US-Bundespolizei aus, er stamme aus Sri Lanka, sei Moslem und heiße Abdel Rahim.

In einem der weißen Basketball-Schuhe fanden Polizisten nach Angaben der Flughafenleitung auch verdächtige Klumpen. Bei der Durchleuchtung des verdächtigen Schuhs entdeckten die Fahnder eine Zündschnur und ein in den Absatz gebohrtes Loch. Mit der dort untergebrachten Menge Sprengstoff habe "größerer Schaden angerichtet" werden können, sagte der Bostoner Flughafendirektor Tom Kinton. Laut Richard Shelby, Vizechef der Untersuchungskommission im US-Senat, handelte es sich bei der gefundenen Substanz eindeutig um Sprengstoff. Laut der Flughafenverwaltung von Massachusetts benutzte der Mann für seine selbst gebastelte Bombe Plastiksprengstoff der Sorte C 4, wie er in der Industrie oder vom Militär eingesetzt wird. Nur Spürhunde können diesen Sprengstoff erschnüffeln. Sprengstoff dieses Typs war bei dem Anschlag auf den US-Zerstörer "USS Cole" im Jemen benutzt worden, bei dem im Oktober vergangenen Jahres 17 Marinesoldaten ums Leben kamen. Eine Detonation an Bord hätte aller Voraussicht nach nicht nur einen sofortigen Druckverlust in der Kabine zur Folge gehabt. Möglicherweise wäre sogar das Flugzeug gebrochen.

Doch mehrere Passagiere zögerten nicht, dem Ruf der Stewardess nach Hilfe nachzukommen. "Ich sprang sofort auf und rannte etwas zehn Reihen nach hinten, als ich die Schreie hörte", erzählte der Franzose Thierry Dugeon, "aber da kämpften schon mehrere Männer mit ihm." Man habe den Tobenden schließlich mit Gürteln an den Sitz gefesselt, bis Mediziner dem Mann die Beruhigungsmittel aus der Bord-Apotheke spritzten.

Derweil informierte der Flugkapitän die US-Behörden. Da zunächst unklar war, ob sich noch Komplizen an Bord befanden, ließ das Verteidigungsministerium zwei F 15-Kampfflugzeuge aufsteigen. Die Absicht war klar und durch einen Erlass des Präsidenten bestätigt: Sollte es zu einer Situation kommen, wo der Absturz der Passagiermaschine auf dichtbewohntes Gebiet gedroht hätte, wäre ein Abschuss zulässig gewesen.

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