Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Zeit-Herausgeber Josef Joffe räumt der AfD "marktgerechtes" Verhalten ein, sieht zwischen Putin und Trump keine Freundschaft wachsen und schüttelt den Brexit-Blues ab

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Die AfD eilt von Erfolg zu Erfolg. Woran liegt's?
Die üblichen Verdächtigen machen sich die Antworten einfach: Nicht die Flüchtlinge stärkten die AfD. Schuld seien die Kopisten bei den bürgerlichen Parteien, die Merkel verteufeln und so die AfD legitimieren. Eine hübsche Verdrehung von Ursache und Wirkung. Die AfD ist keine Wiedergeburt der NSDAP. Auch wenn WmdW sie gar nicht schätzt, räumt er der AfD „marktgerechtes“ Verhalten ein. Sie nutzt die „Marktlücke“ aus, welche die Merkel-CDU hinterlässt. Das hat auch die Kanzlerin gemerkt, die immer wieder darauf beharrt, dass sie die Flüchtlingszahlen reduziere und es weiter tun werde (Türkei-Deal, Geld für Lager in Jordanien und Ägypten – weit, weit weg). Die Konservativen geben dem AfD-Affen keinen Zucker, sondern entziehen ihn. So ist das in einer Demokratie, wo die Stimmen der Guten und der Bösen gleich wiegen.

Hillary Clinton und Donald Trump sind in den Umfragen fast gleichauf. Auf wen freut sich Putin?
Auf Trump natürlich. Beide reden sehr nett übereinander. Putin kennt Leute wie Trump aus der Heimat, agiert doch „The Donald“ wie ein russischer Oligarch. Er protzt gern mit seinem Reichtum und liebt die Selbstdarstellung. Aber Achtung, Oligarchen fallen bei Putin schnell in Ungnade, bis hin zu Enteignung und Knast. Typen wie Trump und Putin sind zu Freundschaften nicht fähig; es gilt: der oder ich! Trump und Putin sind hochkompetitive Wesen, und Großmachtskonflikte werden sowieso nicht per Kumpanei gelöst. Putin ahnt zudem, dass Clinton berechenbarer ist als der Gelbschopf.

15 Jahre nach 9/11 – hat uns der Kampf gegen den Terrorismus sicherer gemacht?
In einem Sinne schon: New York war der bislang letzte Großangriff. Die Kaida ist dezimiert worden, und dem bedrängten IS fehlt die Fähigkeit dazu. Nur: Der Terror wechselt immer die Gestalt. Heute kommt er als freischaffender Killer daher – siehe Boston, Paris, Nizza, München... Diese Selbstläufer sind bei uns aufgewachsen; sie kennen unsere Sitten und Gebräuche und arbeiten autonom. Deshalb sind sie auch so schwer zu fassen. Anderseits: Die Hauptkampflinien verlaufen innerhalb der islamischen Welt, wo der Muslim-Muslim-Terror tausendfach mehr Opfer fordert als der Terror im Westen.

Ein Wort zum Brexit....
Das Beste kommt aus der Neuen Zürcher: „Die britische Wirtschaft schüttelt den Brexit-Blues ab.“ Der Optimismus-Index steigt rasant. Das Pfund hat sich stabilisiert, es steigen die Aktien der Unternehmen, die den Inlandsmarkt bedienen. Die Wirtschaft wächst wieder. Markieren diese Quartalszahlen einen echten Trend, stärken sie die Verhandlungsposition der May-Regierung in Brüssel. Jedenfalls beeilt sich Mother Theresa nicht, den Austrittsantrag zu stellen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Die Fragen stellte Malte Lehming.

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