Politik : Von Belgrad vereinnahmt

STEPHAN ISRAEL

BELGRAD ."Deutsche Antifaschisten haben sich in Belgrad mit dem Protest gegen die NATO-Aggression auf Jugoslawien solidarisiert", meldet das serbische Staatsfernsehen am Sonnabend abend an prominenter Stelle mit Bildern von den Friedensbewegten: "Sie haben die Internationale gesungen und dafür Applaus geerntet", verkünden die Abendnachrichten.Auch die Zeitungen berichten am Sonntag recht ausführlich über den Solidaritätsbesuch der "Mütter gegen den Krieg", jugendlicher Friedensbewegter und einiger PDS-Leute in Belgrad.Zwischen den Faschisten von einst und der NATO-Allianz von heute gebe es keinen Unterschied, wird eine Uta Borman aus Magdeburg zitiert.So sieht man das auch in Belgrad.Die 125 Deutschen hören das Echo nicht mehr: Sie sind schon wieder außer Landes.

Die Gruppe war am Freitag von Dresden aus ohne Visum aufgebrochen.Wie durch ein Wunder öffnen sich die Türen des sonst so isolierten Landes.Die Friedensfahrer bekommen in der jugoslawischen Botschaft in Budapest ein Visum, gültig bis Ende des Monats.An der Grenze wartet schon ein Team des serbischen Fernsehens.Vor zehn Jahren, da sei die Armee seines Landes noch für den Frieden eingetreten, sagt ein ehemaliger SED-Mann in die Kamera und sorgt ein erstes Mal für Irritationen in der Reisegruppe.Nach einer Nacht in Subotica gleich hinter der Grenze geht es mit Polizeieskorte und Blaulicht nach Belgrad.Zur Sicherheit hat man noch schnell per Handy "bei der NATO" angerufen.Man will schließlich nicht plötzlich Zielscheibe sein.Auf den Bussen kleben Friedenstauben und Slogans wie "Bomben braucht keinen Mut".Angesichts der Eskorte in blauer Kampfmontur beschleicht einigen ein ungutes Gefühl.Mancher berichtet später von gereizter Stimmung im Bus, spricht von Generationenkonflikt."Für die Mehrheit ist die NATO das Böse, für eine Minderheit ist auch Milosevic mitschuldig", sagt ein jüngerer Teilnehmer mit Spitzbart.In Belgrad gilt ein erster Stopp den Opfern des NATO-Angriffs auf die Studios des serbischen TV, ein weiterer der ausgebrannten Parteizentrale.Einige lassen sich vor der Ruine fotografieren.Eine jüngere Mitfahrerin findet das "zum Kotzen".Beim jugoslawischen Roten Kreuz gibt es später serbische Bohnensuppe.Einige wollen bleiben und sich dem Schutzschild auf einer Brücke anschließen.Doch des kommt anders.Plötzlich verkündet ein Wortführer: Die Gastgeber könnten nachts nicht für die Sicherheit garantieren.Widerreden sind zwecklos.In scharfem Ton heißt es: Bis 18 Uhr muß die Gruppe das Land verlassen haben.Das Visum laufe aus.Draußen wartet die Polizei schon ungeduldig.Eine Frau schimpft über die "Kaffeerundfahrt".Sie fühlt sich mißbraucht: "Vielleicht haben sie schon alle Bilder im Kasten."

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