Der Blog zur Berlin-Wahl : Endergebnis: Rot-Grün mit Wackelmehrheit

Die FDP ist pulverisiert, die Piraten jubeln. SPD wird stärkste Kraft, kommt aber nur auf eine knappe Mehrheit mit den Grünen. Der Blog zur Wahl in Berlin.

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Es könnte reichen für Rot-Grün, aber knapp ist's geworden.Weitere Bilder anzeigen
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18.09.2011 18:37Es könnte reichen für Rot-Grün, aber knapp ist's geworden.

01:00: Das war es für heute - der Blog zur Wahl. Vielen Dank für die rege Beteiligung im Forum. Diskutieren Sie gerne weiter mit. Am Montag dann mehr zur FDP, den Grünen aber auch zu Wowereit, den Piraten und der Linken.

00:43: Vorläufiges Endergebnis laut Landeswahlleiter: SPD. 28,3 Prozent, CDU, 23,4 Prozent, Grüne: 17,6 Prozent, Linke: 11,7 Prozent, Piraten: 8,9 Prozent, FDP: 1,8 Prozent, Sonstige: 8,3 Prozent.

00:22: Nicht nur Klaus Wowereit, sondern auch CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel hat seinen Wahlkreis verloren. Dagegen konnte sich Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann deutlich durchsetzen. Die Ergebnisse aller Wahlkreise gibt es hier.

00:17:Die Piraten haben nicht nur den Einzug ins Abgeordnetenhaus geschafft, sie werden künftig auch in allen Bezirksparlamenten vertreten sein. Ihr bestes Ergebnis erreichte die Partei in Friedrichshain-Kreuzberg, wo sie 14,2 Prozent erreichte.

23:55: Vier Mitarbeiter der Linksfraktion haben sich zu den Piraten "verirrt". Eine von ihnen beglückwünscht die neuen Parlamentarier und sagt: "Herzlich willkommen, wir freuen uns, gemeinsam auf der Oppositionsbank zu sitzen." Und sie fügt hinzu: "Ich weiß gar nicht, ob sie sich vorstellen können, was da an Arbeit auf sie zukommt."

23:53: Jetzt hat sich auch Christopher Lauer von der Piratenpartei schonmal zum Thema Fraktionsvorsitz geäußert. Und der sagt dem Tagesspiegel: "Der, der zuerst sagt, ich will, wird es nicht." Und auch er weiß, dass die Piraten "diesen Dilettantenbonus nur einmal haben werden". Ihm schwebt vor den parlamentarischen Lernprozess der Piraten im Abgeordnetenhaus öffentlich zu dokumentieren. Also eine Art Sendung mit der Maus aus dem Parlament.

23:42: Laut der neuesten Hochrechnung kann Rot-Grün seinen knappen Vorsprung von einem Sitz halten. Inzwischen sind 98 Prozent aller Stimmen ausgezählt.

23:33: Piraten-Spitzenkandidat Andreas Baum hat schon Hunderte Glückwünsche bekommen, davon allein 250 über Twitter. Nervös sei er nicht gewesen, sagte er dem Tagesspiegel, als er ins Fernsehstudio musste. "Ich wollte nicht perfekt sein." Die anderen Spitzenkandidaten der etablierten Parteien hätten ihn gut aufgenommen und brav gratuliert. Zum Thema Fraktionsvorsitz sagt er: "Ich stehe dazu bereit, aber ob das Sinn macht, werden wir gemeinsam entscheiden. Ich erhebe als Spitzenkandidat keinen automatischen Anspruch darauf."

23:30: Die Piraten haben ihre Schockstarre überwunden. Es wurde zwar laut gejubelt kurz nach 18 Uhr, aber bis alle realisiert haben, was da passiert ist, hat es gedauert. Jetzt wird gefeiert - ohne Hits der 80er, dafür mit Elektro-Sounds.

23:05: Die Grünen haben im Berliner Wahlkreis 3 in Friedrichshain-Kreuzberg den Wettstreit der Migranten gewonnen. SPD, CDU, Linke und Grüne hatten dort türkischstämmige Kandidaten aufgestellt. Der Grünen-Bewerber Turgut Altug setzte sich mit 36,9 Prozent durch. Weitere Wahlkreise gibt es hier.

22:45: Gute Nachrichten für die FDP: Auf Rügen kommen sie noch über die Fünf-Prozent-Hürde (5,5 Prozent) und landen bei der wegen eines Todesfalls nötig gewordenen Landtags-Nachwahl knapp vor der NPD (5,4). Die Grünen haben dabei ihr landesweit bestes Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern erzielt und so ein siebtes Landtagsmandat errungen. Die Partei erreichte im Wahlkreis 33 (West-Rügen und Insel Hiddensee) 24,8 Prozent der Zweitstimmen. Sie lag damit vor der SPD (22,4) und der CDU (19,0). Die Linke kam mit 18,9 Prozent auf Platz vier.

22:25: Wir fragen zur Zeit unsere User auf unserer Startseite tagesspiegel.de in einer Umfrage in der rechten Navigationsleiste, welche Regierungskoalition sie präferieren: Rot-Grün oder Rot-Schwarz. Zwischenstand: 1491 abgegebene Stimmen, davon 941 für Rot-Grün (63 Prozent) und 550 für eine große Koalition (37 Prozent).

22:07: Nicht nur die Piraten schippern schnell im Netz. Auch die Anhänger von Martin Sonneborn und "Die Partei" haben den Auftritt der Satirepartei in der FDP-Zentrale schnell als Video ins Netz gepackt. Zu finden bei uns im Blog.

21:59: Die Piraten können ihr Glück immer noch nicht fassen. Spitzenkandidat Andreas Baum hat schon Shake-Hands mit dem Chef der Berliner SPD, Peter Müller, gemacht.

21:39: Klaus Wowereit verliert das Rennen um das Direktmandat in seinem Wahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf 5 an den Christdemokraten Claudio Jupe. Wowereit kommt auf 36,8 Prozent der Erststimmen und Jupe auf 37,8 Prozent. Weitere Wahlkreisergebnisse bekommen Sie jetzt hier.

21:27: 76 Sitze nehmen SPD und Grüne nach derzeitigem Stand ein. Das ist genauer einer mehr als für die Mehrheit erforderlich. Bleibt es dabei, wäre Rot-Grün in Berlin ein echtes Vabanquespiel.

21:07: Die SPD geht zwar als Sieger aus dieser Wahl hervor. Und die Grünen betonen ihr Rekordergebnis in Berlin. Aber dass das am Ende für Rot-Grün langt, ist längst noch nicht so sicher, wie es lange Zeit ausgesehen hat. Denn derzeit liegen SPD und Grüne in allen Umfragen nur noch mit einem Sitz vor der erforderlichen Mehrheit.

20:59: Ein paar Stimmen zum Spiel: Michel Friedmann macht sich Sorgen um die Liberalen. "Die FDP ist auf der Intensivstation", sagt der Publizist dem Tagesspiegel. Die Piraten sind für ihn eine Protestaktion, "die endlich mal nicht aus dem rechten Lager kommt". Moderator Klaus Bresser sagt dem Tagesspiegel: "Das Ergebnis für die FDP ist katastrophal und ein Desaster für den Bund. Die FDP zerbröselt - und Angela Merkel ist allein zuhause." Friedbert Pflüger: "Freue mich, dass Rot-Rot abgelöst ist und ich freue mich über den Aufwärtstrend der CDU."

20:45: Bei der CDU ist großer Jubel angesagt. Rund 300 Christdemokraten feiern auf der Wahlparty in einem Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses. Der CDU-Nachwuchs trägt das Motto des Fests auf in dunklen T-Shirts: "Frank Henkel – gerade richtig“ steht dort geschrieben. Bevor der Star des Wahlabends bei der CDU aber überhaupt zum Mikrofon greifen kann, wird ihm erst einmal ein großer Blumenstrauß überreicht. Ihr Ergebnis ist für die Christdemokraten Anlass genug, viele Sektflaschen zu öffnen. Es gibt ein Berliner Buffet mit Buletten und Gurken. Alt und Jung in der Partei waren sich in ihrer Freude einig. Der langjährige Regierende Bürgermeister und CDU-Ehrenvorsitzende Eberhard Diepgen zeigt sich „sehr zufrieden“. Der Berlin Vorsitzende der Jungen Union, Conrad Clemens, freute sich, dass es wieder nach oben geht. Das Ergebnis der Piraten aber müsse allen etablierten Parteien zu denken geben. Man habe viele junge Wähler nicht erreicht.

20:34: Nach einer Auszählung von knapp 42 Prozent der Zweitstimmen kam die NPD auf 2,1 Prozent. Damit landen die Rechtsextremen vor den Liberalen.

20:13: Heinz Buschkowsky is not amused. Er hätte lieber mit Rot-Rot "geliebäugelt, als mit dem, was jetzt auf uns zukommt", hat er im ZDF gesagt. Die Grünen kommen jetzt möglicherweise auf ihn und seine SPD zu. Aber auch von den Piraten ist er nicht begeistert. "Die fordern freie Fahrt im ÖPNV und im Internet, dass man damit in Neukölln sogar zweistellige Wahlergebnisse einfahren kann, zeigt: Nur noch eine Minderheit steht für verlässliche Politik." Wenn er die SPD meint, gehört er selbst jetzt zu einer Minderheit. Artenschutz?

20:03: Die rechten Parteien hatten in Berlin keine Chance. Auch die schimpfen auf die Piraten.

19:55: In der Tagesspiegel-Redaktion wurde vor der Wahl auf das Ergebnis getippt. Und das sind die Durchschnittswerte, die sich aus den einzelnen Meinungen der Kollegen ergeben: SPD = 31,4 - CDU = 22,1 - Grüne = 20,1, - Linke = 11,5 - Piraten = 6,2 - FDP = 4,0. Tendenziell lagen wir da gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt.

19:46: Rot-Grün gilt als aussichtsreichste Koalition derzeit. Nur im Moment liegt diese Konstellation nur mit zwei Sitzen vorn.

19:43: Die Grünen hadern - mit sich, dem Ergebnis, ihrer Kandidatin.

19:30: Wowereit kann zwar wieder Regierender Bürgermeister werden, aber Kanzlerkandidatenkandidat eher nicht, weder aus eigenem Antrieb noch als Gebetener, sagt Lorenz Maroldt in seinem Kommentar zur Wahl. Die Aura des dreifachen Wahlsiegers, die keiner der anderen Spitzensozialdemokraten aufweisen kann, ist mit diesem Ergebnis auf Bundesebene kaum präsentabel.

19:14: Die grüne Wahlparty im Festsaal Kreuzberg kommt nicht recht in Gang. Irgendwie hatten sie sich mehr erhofft. Aber nur wenige sprechen es wirklich offen aus. So wie Franziska S., 26, Grüne aus Neukölln: "Ich bin enttäuscht, ich habe mir mehr erhofft." Künast hätte sich zu spät zu Rot-Grün bekannt, "und dann haben uns die Piraten noch den letzten Rest gegeben".

19:10: Auch mehr als 20 Jahre nach der deutschen Einheit sind die Unterschiede im Wahlverhalten bei den Berlinern in Ost und West immer noch auffällig. Das wird besonders an den Ergebnissen von CDU und Linken deutlich. So kommen die Linken im Westteil der Stadt nicht einmal auf fünf Prozent, während sie im Osten fast 23 Prozentpunkte erreichen und damit zweitstärkste Kraft sind. Die CDU liegt im Westen in etwa gleichauf mit der SPD (jeweils 29 Prozent), kommt im Osten aber nur auf rund 15 Prozent. Auch die Grünen sind im Osten Berlins deutlich schwächer als im Westteil (14 zu 20 Prozent). Die neu ins Abgeordnetenhaus eingezogenen Piraten kommen in beiden Stadthälften auf ähnliche Werte und liegen jeweils deutlich über der Fünf-Prozent-Marke. Geringe Unterschiede im Wahlverhalten gibt es auch bei der FDP, die in Ost und West gleichermaßen ein Debakel erlebte.

19:01: Die Piraten können es nicht glauben. Bei "Ritter Butzke" in Kreuzberg wird zwar viel gejubelt, aber es herrscht auch so etwas wie freudige Schock-Starre. "Unglaublich", "Unfassbar", "Ich kann es nicht glauben", hört man immer wieder. Sie sind überwältigt und ein bisschen geschockt vom eigenen Erfolg. "Wir sind jetzt die größte liberale Partei Berlins", sagt ein Pirat.

Berlin hat gewählt
Auf Nummer sicher: Eine Koalition mit den Piraten würde für eine stabile linke Mehrheit in Berlin sorgen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 63Foto: dpa/Davids
18.09.2011 12:10Auf Nummer sicher: Eine Koalition mit den Piraten würde für eine stabile linke Mehrheit in Berlin sorgen.

18:56: Der Jubel nimmt kein Ende. Minutenlang klatschen mehr als 200 Christdemokraten auf der Wahlparty der CDU in einem Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses, als ihr Spitzenkandidat Frank Henkel am frühen Abend die kleine Bühne betritt. Hinter ihm reiht sich der CDU-Nachwuchs auf in dunkelblauen T-Shirts mit der Aufschrift: „Frank Henkel – gerade richtig“. Und bevor der Star des Wahlabends bei der CDU überhaupt zum Mikrofon greifen kann, wird ihm erst einmal ein großer Strauß mit roten Gerbera und weißen Rosen überreicht.
Dann wird es still im Saal, und Henkel sagt, warum er sich „über dieses Wahlergebnis freut.“ Das wichtigste Ziel habe man erreicht. „Rot-Rot hat keine Mehrheit mehr.“ Als die „großen Verlierer“ bezeichnet Henkel die Partei Die Linke und die grüne Spitzenkandidatin Renate Künast. Aber auch der weiterhin Regierende Klaus Wowereit müsse erkennen, „dass für ihn die Bäume nicht in den Himmel wachsen.“ Jetzt sei Wowereit am Zuge. „Wir werden uns im Interesse der Stadt und ihrer Bürger  vernünftigen Sondierungsgesprächen nicht verschließen“, betont Frank Henkel. 
Ihr Ergebnis ist für die Christdemokraten jedenfalls Anlass genug, viele Sektflaschen zu öffnen. Es gibt ein Berliner Buffet mit Buletten und Gurken, und auch der frühere Wirtschafts- und Finanzsenator Elmar Pieroth und Peter Luther, einst Gesundheitssenator, langen kräftig zu.

18:51: Im Fraktionsraum der SPD im Abgeordnetenhaus jubeln Abgeordnete und Parteifreunde um 18 Uhr nur zwei Sekunden lang: als im Fernsehen das Desaster der FDP verkündet wurde. Sonst ist die Stimmung leicht gedrückt. "Schade, dass wir bei der Wahl wieder nicht so gut abgeschnitten haben wie zuvor in den Umfragen", sagt der Umweltpolitiker Daniel Buchholz, dem manche Parteifreunde einen künftigen Job als Senator zutrauen. "Ganz bitter" fände es Buchholz, falls im weiteren Verlauf des Abends gar die Mehrheit für Rot-Grün dahinschwinden würde. Auf die Frage nach einer Großen Koalition sagt Buchholz nur: "Malen wir den Teufel nicht an die Wand." Hinter ihm verschwindet der Landesvize und Charlottenburg-Wilmersdorfer Stadtrat Marc Schulte mit betretener Miene. Ihm ist deutlich anzusehen, dass er sich mehr versprochen hatte. Hinzu kommt nicht nur bei manchen Sozialdemokraten das Gefühl, dass es die Piraten bei dieser Wahl allzu leicht hatten.

Einen Raum weiter stehen FDP-Abgeordnete beisammen wie bei einem Begräbnis. "Ich hoffe, dass die Bundespartei versteht, was der Wähler ihr mit diesem Ergebnis sagen wollte", sagt der umweltpolitische Sprecher Henner Schmidt. Über den Flur kommt sein Fachkollege von den Grünen, Michael Schäfer. Der resümiert: "Gewonnen haben die Parteien, die Veränderung wollen: Die Piraten, wir Grüne und ein bisschen die CDU." Auch das sei ein Signal an Klaus Wowereit.

Wie die Piraten ihr Ergebnis reagieren, und wie eine FDP-Party an so einem Abend aussieht, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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