Politik : Wende in Jugoslawien: In einem anderen Land

Stephan Israel

Der Briefträger in der blauen Uniform sucht sich mühsam seinen Weg durch die Menschenmenge. Er trägt ein Bündel Glückwunschtelegramme in der Hand. Sie sind für "Präsident Kostunica" bestimmt. Höflich erkundigt er sich an der Absperrung vor dem angesengten Bundesparlament nach einem Abnehmer für die ganz besondere Post. Auch für ihn, meint der Briefträger, sei dies ein "glücklicher Tag" und ein unvergesslicher Botengang. Das neoklassizistische Haus am weiten Platz ist zwar angesengt, aber drinnen wird schon fleißig aufgeräumt. Die Trümmer vom Sturm am Vortag werden abtransportiert. Rechts vom Eingang hängt jedoch schon eine makellose Fahne in den jugoslawischen Farben, und die neue Mehrheit im Land bemüht sich, so schnell wie möglich ihre Autorität zu etablieren. An der Absperrung oben am Aufgang zum Parlament haben sich freiwillige Helfer Schilder mit der Aufschrift "Protokoll" angeheftet. Einer erklärt sich schließlich bereit, dem Briefträger die Grußbotschaften abzunehmen. Sobald Vojislav Kostunica vor die Abgeordneten im Parlament tritt, will er sie dem neuen Präsidenten überreichen.

Alle wollen am Tag nach der Rebellion einen Blick auf die Symbole der alten Macht werfen. Der Platz zwischen Rathaus und Parlament ist am Mittag nach einer langen Nacht wieder vollgepackt. Ein neues, großes Podium wird aufgebaut. Eine friedliche Revolution muss gefeiert werden. Und jeder ist am Tag danach ein kleiner Held. Auch Blagoje Radjelovic, ein 35-jähriger Automechaniker, ist mit seiner Frau und den zwei Söhnen an den Schauplatz zurückgekehrt. Am Nachmittag davor war Liljana noch wütend auf ihren Mann, der sich allen Versprechungen zum Trotz bis zum Polizeikordon beim Parlament vorgewagt hatte. Doch jetzt ist sie stolz, dass er zusammen mit den harten Männern aus Cacak als Erster ins Parlament gestürmt ist. Diese sind mit ihrem Bulldozer, den sie per Sattelschlepper auf die Reise in die Hauptstadt mitgebracht hatten, einfach die steinerne Treppe hinaufgefahren. Blagoje Radjelovic wird die historischen Minuten seinen Kindern immer wieder schildern. Als Souvenir hat er eine leere Tränengaspatrone behalten, mit deren Inhalt die Polizei in die Menge geschossen hatte. "Er ist noch nicht fertig", mahnt er zur Vorsicht vor einem möglichen Gegenangriff von Milosevic und dessen verstreuten Anhängern.

Was soll mit dem verjagten Präsidenten geschehen? Blagoje Radjelovic möchte den Autokraten nicht dem Haager Kriegsverbrechertribunal überlassen. "Wir wollen ihn hier in Serbien selber richten", meint der junge Familienvater. Und vor allem das Geld, das der Autokrat und dessen Familie dem Volk geklaut hat, hätte er gerne wieder zurück. Am Tag nach dem Volksaufstand und nach einer langen Nacht ist wieder ganz Belgrad auf den Füßen. Bis in die frühen Morgenstunden sind Autokolonnen hupend die Boulevards auf und ab gefahren. Freunde und Bekannte umarmen einander und gratulieren sich zum Sieg über den Autokraten. Bäcker fahren mit frischem Brot vor und verteilen die Ladung in den Straßen.

Die Opposition etabliert schon wenige Stunden nach dem Sieg ihre neue Autorität. Ein "Krisenkomitee" mit Vertretern der Demokratischen Opposition Serbiens (DOS) kümmert sich darum, dass der Freudentaumel nicht in Chaos umkippt. Kontakte mit Polizei und Armee werden aufgenommen. Im Rathaus spricht der neue Bürgermeister von Belgrad vor den eilig versammelten Abgeordneten seinen Eid. In den Gängen geben Vertreter der Opposition Journalisten Interviews, während andere vom Balkon und im Scheinwerferlicht dem versammelten Volk zum Sieg gratulieren.

Die Revolution bleibt friedlich und verläuft geordnet. Einzig im südserbischen Leskovac stürmt die Menge die Parteizentrale der Milosevic-Sozialisten und das Haus des lokalen Parteibonzen. "Wir werden den Mann nicht mit Gewalt vertreiben, wie er uns während Jahren vertrieben hat", hat Oppositionskandidat Kostunica in der Nacht zu Zurückhaltung gemahnt. Das Publikum versteht die Botschaft, und es fallen nicht einmal Freudenschüsse. Von aggressiver Stimmung oder überbordenden Emotionen keine Spur. Es ist eher, als würde in Belgrad die erste unbeschwerte Party seit zehn Jahren gefeiert.

Am Tag nach der Revolution sind die Angestellten der städtischen Reinigung schon wieder am Werk und säubern Straße und Plätze vom Müll, der sich in der Nacht angesammelt hat. Bei den einst regimetreuen Medien ist der Sprung in die neue Zeit am schnellsten vollzogen. Die staatliche Nachrichtenagentur Tanjug verpflichtet sich schon am Abend auf "professionelle Standards" beziehungsweise "wahrheitsgemäße und objektive Berichterstattung". Die Mitteilung ist von den "Journalisten der freien Tanjug" unterzeichnet. Die neue Freiheit greift schnell um sich. Beim Fernsehen "Politika" beginnt die abendliche Nachrichtensendung mit einiger Verspätung: "Guten Abend von der befreiten Politika", begrüßt Moderatorin Milica Dimitrijevic das Publikum. Auch die gleichnamige Regierungszeitung "Politika" freut sich in ihrer Freitagsausgabe groß auf der Titelseite, dass sich "Serbien auf dem Weg zur Demokratie" befindet.

Unten in der Stadt feiert das Volk, doch oben auf dem Prominentenhügel von Dedinje, dem etwas außerhalb gelegenen Viertel, herrscht am Tag danach gespenstische Ruhe. Die sonst so grimmigen Wächter am eisernen Tor vor dem Weißen Palast schmunzeln nur als Reaktion auf die Frage nach dem Verbleib von Slobodan Milosevic. Der Präsident hat dort einst hohe Gäste empfangen. Die Männer in den blauweißen Paradeuniformen lassen sich kein Wort entlocken. Rund um die Residenz des Autokraten, knapp hundert Meter entfernt und im vergangenen Jahr von der Nato bombardiert, fällt ein größeres Aufgebot von Militärpolizei in Schusswesten auf. Aber der einsame Mann hält sich offenbar nicht in einem der Bunker versteckt, die es unter dem Wohnort der alten Nomenklatura geben soll. Der parteitreue Sender YU-Info zeigt später Bilder, wie Milosevic mit dem russischen Außenminister Igor Iwanow und dem jugoslawischen Außenminister zusammentrifft. Den Ort des Treffens kennt niemand, aber Iwanow bestätigt indirekt den Machtverzicht des Diktators.

Gleich gegenüber der zerbombten Präsidentenresidenz steht ein Gebäude kurz vor der Vollendung. Nebojsa Pavkovic, loyaler Armeeführer und Generalstabschef, wollte sich hier in guter Nachbarschaft ein neues, luxuriöses Domizil einrichten. Die Bauarbeiter sind auch am Tag nach der Rebellion unten in der Stadt am Werk, als wenn nichts geschehen wäre. Wird der oberste Militär seinen Palast in Dedinje überhaupt je beziehen können? Im Park zwischen den Villen im Nobelviertel von Dedinje lagern neben drei Bussen Polizisten in blauen Uniformen. Über ihren Auftrag wollen auch sie nichts verraten. Aber die Stimmung ist merklich gelöst, und die Männer verzehren Sandwiches.

Auch Serbiens Präsident Milan Milutinovic, loyaler Statthalter von "Slobo" und wohnhaft im Haus nebenan, scheint abgereist. Ein rosarotes Giebelhaus etwas weiter entfernt ist ebenfalls verwaist. Dort wohnt sonst Marija Milosevic, Tochter des Präsidenten und stolze Besitzerin einer Radio- und Fernsehstation. Heute sind alle Rollläden runtergelassen. Er sei nur der Gärtner, sagt ein junger Mann, der das Eisentor öffnet, zu den unerwünschten Fragern. Die Tochter des mächtigen Präsidenten sei wohl in der Nacht abgereist, lässt er sich noch entlocken.

Sohn Marko lebt im Heimatort der Eltern, in Pozarevac. Dort haben wütende Bürger die Werbetafeln für seinen Vergnügungspark "Bambiland" und die Diskothek Madona zerstört. Anwohner wollen Marko mit ein paar Vertrauten in drei schwarzen Jeeps wegfahren gesehen haben. Der Präsidentensohn besitzt auch eine Parfumeriekette mit dem Namen "Skandal". In der Nacht der Revolution haben Demonstranten die Filiale in der Hauptstadt vollständig zertrümmert. "Beklage dich bei deinem Vater", hat ein anonymer Autor auf die Hausmauer gesprayt.

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