Politik : Wohin steuert Europa?: Wechselhafter Monsieur Le President

Eric Bonse

Jacques Chirac hatte es bisher nicht leicht mit Deutschland. Als der neogaullistische Präsident 1995 grünes Licht für die letzten französischen Atomtests gab, reagierte die deutsche Öffentlichkeit empört. Als er 1996 die Wehrpflicht in Frankreich abschaffte, fielen deutsche Politiker aus allen Wolken. Als er 1997 auch noch einen Streit um die Führung der Europäischen Zentralbank vom Zaun brach, schlug ihm blankes Unverständnis entgegen.

Doch all das ist heute vergessen und vergeben. Pünktlich zu Chiracs zweitägigem Staatsbesuch in Hannover und Berlin herrscht wieder eitel Sonnenschein zwischen Deutschland und Frankreich. Chirac hat sich nicht nur mit Kanzler Schröder ausgesöhnt, nachdem die beiden 1999 wegen der EU-Finanzierung heftig aneinandergeraten waren. Auch die Deutschen scheinen dem Gaullisten verziehen zu haben. Folgt man den Umfragen, so sieht eine Mehrheit in Chirac die ideale Verkörperung Frankreichs.

So viel Überschwang nach so viel Ärger macht schon fast wieder mißtrauisch. Wer Chirac kennt, ist an das Wechselbad der Gefühle aber schon seit langem gewöhnt. Nicht nur mit den Deutschen, sondern auch mit den Franzosen fährt der 67jährige immer wieder Achterbahn. Als Chirac im Jahr 1995 für das höchste Amt im Staate kandidierte, galt er als krasser Außenseiter, dem kaum jemand eine Chance gab. Doch schon im ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl hatte er den haushohen Favoriten, Ex-Premierminister Edouard Balladur, aus dem Rennen geschlagen.

Vom Wahlverlierer zum Idol

Als Stehaufmännchen erwies sich Frankreichs Staatschef auch zwei Jahre später, nach der verlorenen Parlamentswahl 1997: Nach dem Erdrutschsieg der Sozialisten schien er politisch endgültig erledigt. Heute zählt er zu den beliebtesten Präsidenten der Fünften Republik, gleich nach seinem politischen Idol Charles de Gaulle.

Chirac ist derart unstet, dass selbst sein Biograf Franz-Olivier Giesbert kein eindeutiges Urteil wagt. "Von diesem Mann hat man schon fast alles gesagt", schreibt Giesbert: "Dass er schwach sei und autoritär; populistisch und technokratisch; wankelmütig und dickköpfig; sozialistisch und faschistoid; sentimental und kühl-kalkulierend." Am ehesten noch ließe sich Chirac als eine Persönlichkeit beschreiben, die sich ständig selbst neu schafft - unermüdlich damit beschäftigt, sich zu verändern, zu deformieren und zu erneuern.

Ins Panthéon der großen Europäer?

In der Europapolitik wird dies besonders deutlich. Im Präsidentschaftswahlkampf 1995 wetterte der Neogaullist noch gegen die Brüsseler "Eurokraten" und versprach eine Volksabstimmung über den Euro. Kaum gewählt, leitete Chirac eine harte Sparpolitik zugunsten des Euro ein. Von Volksabstimmung war keine Rede mehr.

1997 akzeptierte Chirac sogar den deutschen Stabilitätspakt für den Euro, der in Frankreich äußerst unbeliebt war. Heute hingegen plädiert der Präsident für Bürgernähe. Er wolle ein "Europa der Völker im Dienste der Bürger", forderte Chirac zum Auftakt der französischen EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli.

Ein roter Faden ist da kaum zu erkennen. Aber vielleicht holt Frankreichs Präsident das Versäumte ja am morgigen Dienstag im Bundestag nach und formuliert endlich seine europapolitische Vision. Wenn Chirac die versprochene historische Rede hält, dürfte er ins Panthéon der "großen Europäer" eingehen, genauso wie sein Vorgänger François Mitterrand. Wenn der große Wurf ausbleibt, kann sich der Präsident aus Paris immer noch auf Tony Blair und Gerhard Schröder berufen: Deren Europapolitik ist mindestens genauso "pragmatisch" - sprich: wechselhaft - wie die französische.

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