Potsdam : Wunder aus Schaum und Wolken

Spielend lernen im Exploratorium Potsdam: Kinder und Eltern gehen der Natur und alltäglichen Dingen auf den Grund.

Andreas Wilhelm
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Mit Schutzbrille und Trockeneis experimentieren hier Kinder in der Exploratoriumshalle in Babelsberg. Solche Versuche sollen ihre...

Potsdam - „Die wachsenden Schaumküsse haben die Kinder am liebsten.“ Axel Werner führt zu einer Käseglocke mit angebauter Saugpumpe. Schon nach wenigen Zugbewegungen platzt durch den entstehenden Unterdruck im Glas die braune Kruste und die Leckereien blähen sich auf wie Luftballons. „Da müssen mir die Kinder ja zuhören, weil sie naschen wollen“, sagt Werner schmunzelnd. Doch zum Zuhören muss Werner, der Kurator des Exploratoriums in Potsdam-Babelsberg, die jungen Besucher gar nicht ermahnen. Die Phänomene aus der Physik, Mathematik, Biologie und Chemie sind so kindgerecht aufgearbeitet, dass die Kinder die Experimentierwelt in der Halle mit ihren 120 Versuchen freiwillig erforschen.

Seit zwei Jahren ist die rund 1000 Quadratmeter große Action-Ausstellung ein Besuchermagnet. „Wir hatten im ersten Jahr mit 60 000 Gästen gerechnet“, erinnert sich Werner. Gekommen waren 90000. Mittlerweile sind es im Schnitt 5700 Besucher pro Monat.

Vor fünf Jahren wurde die Idee zum Exploratorium von der Potsdamer Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer geboren. Sie absolvierte zu dieser Zeit ein Forschungssemester in Kalifornien und war begeistert von den dortigen Science-Centern. In Potsdam, bedauerte sie damals, gab es nichts Vergleichbares. Deshalb entwickelte sie nun über Beziehungen und Bekanntschaften die Idee rasch zum Projekt weiter.

Prommers Ehemann Ulrich Hienzsch ist Erfinder und Hobbytüftler. Die Kinder der beiden gingen auf die gleiche Grundschule wie die des Physikers Axel Werner, der heute Kurator des Mitmachmuseums ist. Alle drei wollten nun gemeinsam die Neugierde und den Forscherdrang von Kindern befriedigen. Deshalb gründeten sie im Juni 2004 einen Vereinmit dem Ziel, eine wissenschaftliche Mitmachwelt aufzubauen. Ein Jahr später starteten sie eine Testphase an einer Grundschule am Griebnitzsee und im Herbst 2005 bauten sie 50 Exponate und ein Chemielabor am Potsdamer Hauptbahnhof auf.

Mit durchschlagendem Erfolg. „In fünf Wochen kamen über 12.000 Besucher“, sagt Werner. Wiederum ein Jahr später eröffnete der Verein seine Exploratoriums-Halle nahe dem Filmpark Babelsberg, finanziell abgesichert mit privatem Familienvermögen. „Das war es uns wert“, sagt Elisabeth Prommer.

Inzwischen trägt sich die Halle ohne öffentliche Zuschüsse und gilt in ihrer Art als einzigartig in Deutschland. „Die Kinder sollen in erster Linie Spaß haben, bevor sie verstehen, dass es um Physik oder Mathe geht“, sagt Axel Werner. Deswegen sind die rollenden Kugeln, schwebenden Bälle und die grauen Heuschrecken auch nicht nach Mechanik, Aerodynamik oder Biologie kategorisiert, sondern scheinbar wahllos angeordnet. Genau so wie in der Natur. Mädchen und Jungen dürfen alles anfassen und staunen, dass man ein Auto mit einem Arm anheben kann, dass Trockeneis Wolken macht und man seinen Schatten einfrieren kann.

„Wenn man Kinder nur lässt, dann sind sie absolut wissbegierig“, betont der Physiker, der kein gutes Haar an den heutigen Lehrmethoden lässt. Werner, der bereits für Schulbuchverlage gearbeitet hat und mehrere Jahre Lehrer war, kritisiert vor allem, dass der Unterrichtsstoff nicht aktuellen Themen folge. In Zeiten von Brennstoffzellen und Fotovoltaik werde „immer noch auf dem Ottomotor herumgekaut.“ Im Exploratorium sollen deshalb auch Lehrer neue didaktische Anregungen bekommen. Immerhin hat Brandenburgs Bildungsministerium schon Schulklassen empfohlen, das Exploratorium zu besuchen. 1800 waren es bis jetzt.

Der Erfolg blieb in der Nachbarschaft nicht unbemerkt. Seit November 2008 ist der Filmpark Babelsberg Mehrheitseigentümer des Exploratoriums. Die Zukunft scheint damit gesichert – obwohl das Gründerpaar Prommer und Hienzsch bald Potsdam aus beruflichen Gründen verlässt und die Arbeit im Vereinsvorstand aufgibt.

Geöffnet: Dienstag-Donnerstag, 8.30 bis 18 Uhr; Freitag: 8.30-19 Uhr, Samstag und Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Eintritt.: Erwachsene 6,60, Kinder 4,80 Euro, Familien (2 Erw. u. 3 Kinder): 20 Euro. Anfahrt: mit dem Pkw über die A115, Abfahrt Potsdam-Babelsberg, Richtung Potsdam, Nuthestraße, Abfahrt Wetzlarer Straße. Mit der S-Bahn: S7 bis Griebnitzsee, von dort mit dem Bus 696. Anmeldungen und Informationen unter: 0331 - 8773628. www.exploratorium-potsdam.de.

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