Der Tagesspiegel : Regionalstolz: Das Preußenbild von Lothar Bisky

Reinhart Bünger

Lothar Bisky ist nicht stolz, ein Preuße zu sein. Vor den Mitgliedern der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg verriet der in Zollbrück (Kreis Rummelsburg/Hinterpommern) geborene PDS-Politiker am Mittwochabend im Berliner Hilton, dass er bei Pickelhauben Angst bekommt, allein die preußische Tugend der Pünktlichkeit verinnerlicht hat: "Man ist um 8 Uhr da, und es ärgert mich, wenn jemand um 8 Uhr 3 kommt". Donnernder Applaus des teilweise in Preußischblau gekleideten Auditoriums, dem der Vortragende dialektisch kam ("Hegel wird immer weniger benutzt, zu Unrecht"). Um "300 Jahre Preußen aus der Sicht von Lothar Bisky" hätte es gehen sollen. Doch Bisky redete über "300 Jahre Preußen - eine widersprüchliche Geschichte". Und die Assoziationen purzelten nur so durcheinander. "Toleranz und Weltoffeneinheit" der Preußen ständen sicher auf der Positivliste, aber der "Militarismus" ... Der sei ganz schlecht an Preußen gewesen, zumal Bebel, Liebknecht und all die anderen bei Preußens im Knast gesessen hätten ("sehr suspekt"). Und die soziale Frage erst. "Ein negatives Verhältnis zu Preußen versteht sich von selbst". Bisky unternahm dann noch einen kurzen Exkurs zum Preußenbild in der DDR. Das war auch widersprüchlich, wie sich an einem Zettel ablesen lässt, der einmal am Denkmal Friedrichs des Großen angebracht gewesen sein soll - nachdem das in den hinteren Teil des Parks von Sanssouci abgeschobene Reiterstandbild "Friedrich II." Unter den Linden in Berlin wieder aufgestellt wurde. "Lieber Friedrich steig hernieder und regiere Preußen wieder! Lass in diesen schweren Zeiten lieber unsern Erich reiten!" Dieses hübsche Zitat, das 1980 im DDR-Volksmund war, fehlte in Biskys Vortrag. Schade, aber es hätte auch nicht gepasst, denn der Redner wusste nicht, welchen Preußenbildes er sich bedienen sollte. Die Anwesenden ließen Toleranz walten (was sonst?) - und erteilten Bisky in der anschließenden Diskussion eine Geschichtslektion. Sehr widersprüchlich.

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