Der Tagesspiegel : Restaurierung: Zwei Kirchen mit einem Geläut

Claus-Dieter Steyer

Der Vergleich eines jahrhundertealten Kirchenbaus mit einem heutigen Reihenhaus scheint gewagt zu sein. In Vetschau am Rande des Spreewaldes stört sich niemand an dieser Parallele. Im Gegenteil. So kann wohl am besten die in Europa einzigartige Konstruktion erklärt werden. Denn auf dem höchsten Punkt des Zentrums stehen zwei Kirchen mit ihren Mauern aneinander - mit einem gemeinsamen Turm, gemeinsamen Glocken, einem einzigen Zugang und einer Sakristei. Vetschau besitzt eine wendisch-deutsche Doppelkirche. Künftig will die kleine Stadt mit dieser lange Zeit unterschätzten Besonderheit werben.

Bund, Land, Kreis, die Leitung der evangelischen Kirche und die Stiftung Denkmalschutz sind schon vom Förderverein überzeugt worden. Denn sie stellten für die bevorstehende Restaurierung insgesamt 1,5 Millionen Mark zur Verfügung. Weitere rund 200 000 Mark kommen von der Stadt und vielen Spendern. "Jetzt muss nur noch das Arbeitsamt Cottbus die ABM-Kräfte bestätigen", sagt Bauamtsleiter Ronald Mätzold. "Die Gerüste am Turm stehen schon, am 9. Oktober wollen wir mit der Außenfassade loslegen."

Der größte Teil der Arbeiten erstreckt sich auf die wendische Kirche. Der Name, so erklärt Christiane Zimmermann vom Förderverein, sei eine in der Gegend verbreitete Bezeichnung für das slawische Volk der Sorben. Es war im 6. Jahrhundert in die Lausitz eingewandert. Die deutsche Bevölkerung nannte sie "Wenden", was so viel wie "Fremde" bedeutete. Vermutlich im 14. Jahrhundert entstand die wendische Kirche für die sich auf neun umliegende Dörfer verteilte Gemeinde. Der Oberpfarrer predigte sowohl in wendisch (oder niedersorbisch) als auch in deutsch. Nach dem dreißigjährigen Krieg wurde der heutige Backsteinbau errichtet.

Vetschau entwickelte sich Mitte des 16. Jahrhunderts zur Stadt. Die deutsche Sprache und Kultur setzte sich mehr und mehr durch, so dass das erstarkende Bürgertum bald auf einer Trennung von der wendischen Landbevölkerung drängte. Ihren Gottesdienst wollten sie nur noch in deutsch hören. 1690 wurde schließlich in unmittelbarer Nachbarschaft der wendischen Kirche der Grundstein für ein deutsches Gotteshaus im spätbarocken Stil gelegt. Die weitere Entwicklung lässt sich am Zustand beider Kirchen ablesen: Während die deutsche "Haushälfte" weitgehend in Ordnung ist, wurde die wendische jahrzehntelang vernachlässigt. Heute finden jährlich höchstens noch drei bis vier Gottesdienste in der Sprache der Minderheit statt.

Die wendische Kirche soll nun zu einer "Kulturstätte mit musealem Charakter" umgebaut werden. Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen sollen das Haus wieder zu einem vielbesuchten Ort machen. Trotz der Bauarbeiten bleibt die Ausstellung über das einzigartige Bauensemble geöffnet. Sie kann täglich von 10 bis 12 (außer zum Gottesdienst am Sonntag) und 14 bis 17 Uhr besucht werden. Auskünfte unter Telefon 035433/2649.

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