Update

Schlimmer Verdacht in Lübbenau : Behinderter Junge versteckt und sexuell missbraucht

Vier Wochen lang suchte die Polizei den 14-jährigen Justin und fand ihn bei einem 52-Jährigen Lübbenauer. Der Mann soll pädophile Neigungen haben – und offenbar noch mehr Opfer.

von
Im Spreewald-Städtchen Lübbenau ist man entsetzt über den Missbrauchsverdacht.
Im Spreewald-Städtchen Lübbenau ist man entsetzt über den Missbrauchsverdacht.Foto: imago

Inzwischen steht für die Ermittler fest: Der 14-jährige Justin aus Lübbenau, nach dem seit vier Wochen gesucht wurde, ist Opfer eines Pädophilen geworden. „Wir haben deutliche Hinweise darauf, dass Justin und mindestens ein weiterer Junge von dem 52-jährigen Tatverdächtigen sexuell missbraucht wurden“, sagt Petra Hertwig. Die erfahrene Oberstaatsanwältin aus Cottbus hat einen solchen krassen Fall lange nicht mehr erlebt.
„Gerade weil der Junge geistig behindert ist, hatte er wohl keine Chance, sein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu wahren“, sagt sie. „Außerdem ist zu befürchten, dass der Beschuldigte noch weitaus mehr Opfer hatte und das möglicherweise bereits seit 1994.“

Zunächst war es nur eine Vermisstenanzeige

Justin erlitt zwar keine sichtbaren körperlichen Verletzungen, die seelischen Folgen solcher Taten beeinflussen aber das ganze Leben. Es herrscht Fassungslosigkeit über die möglichen Ausmaße des Falles, der vor vier Wochen mit einer Vermisstenanzeige begonnen hatte. Am 29. Juni, einem Sonntag, war der 14-jährige Justin aus der elterlichen Wohnung in Lübbenau verschwunden. Am Montag erschien er auch nicht zum Unterricht in seiner Förderschule. Glaubte die Polizei anfangs noch an einen harmlosen Grund – schließlich standen Zeugnisausgabe und Ferien vor der Tür – verdichteten sich bald die Hinweise darauf, dass ein 52-jähriger Mann aus Lübbenau etwas mit dem Fall zu tun haben könnte.

Dieser war kein Unbekannter für Justin, der ebenso wie sein Zwillingsbruder öfter in der Wohnung des Mannes zu Besuch war. Die Jungen durften dort Computer spielen und wurden offenbar mit Essen und Getränken versorgt. Justins Eltern sahen das nicht gern, sie sollen ihren Söhnen sogar den Kontakt zu dem Mann verboten haben.

Die ahnungslosen Polizisten waren sogar in der Wohnung

Dreimal hatten die Polizisten, die sogar mit einem Hund nach Justin suchten, den 52-Jährigen vernommen, doch dieser gab nicht zu erkennen, dass er etwas vom Aufenthalt des Jungen wusste. Aus Ermittlerkreisen wurde jetzt bekannt, dass die Beamten bei den Befragungen sogar in der Wohnung des Verdächtigen waren, aber der hatte dem Jungen ein offenbar sicheres Versteck zwischen seinen Möbeln eingerichtet –die ahnungslosen Polizisten entdeckten es nicht.

Justin und ein anderer Junge sollen 175 Mal missbraucht worden sein

„Wir gehen davon aus, dass der Beschuldigte den Jungen nicht gegen seinen Willen festgehalten hat“, sagt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig. „Das Verstecken geschah wohl im gegenseitigen Einvernehmen. Da der Beschuldigte aber wusste, dass Justin gesucht wurde und sich die Eltern große Sorgen machten, handelt es sich nach Ansicht der Ermittler und des Haftrichters dennoch um einen Fall von Kindesentziehung.“
Als die Polizisten bei den Befragungen zu Justins Bezugspersonen von immer mehr jungen Männern entsprechende Andeutungen über den 52-Jährigen hörten und sich der Verdacht auf einen pädophilen Hintergrund erhärtete, handelten sie schnell. Sie erwirkten einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss, fanden Justin in der Wohnung und nahmen den Mann fest. Er sitzt inzwischen wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.
Beim sexuellen Missbrauch soll der Beschuldigte keine Gewalt angewendet haben, das heißt, weder Justin noch der andere, ältere Junge sind vergewaltigt worden. Aber die Übergriffe auf die beiden fanden am Ende wohl fast täglich statt, die Ermittler gehen derzeit von 175 Handlungen aus.

Bei Jungen ist die Schamgrenze oft höher

Die Opfer – auch jene mutmaßlichen, auf die man im Zuge der Ermittlungen noch gestoßen ist –schwiegen, bis die Polizei nachfragte. „Bei Jungen ist die Schamgrenze in solchen Fällen oft höher als bei Mädchen“, sagt Petra Hertwig: „Bei den weiter zurückliegenden Fällen müssen wir daher genau prüfen, ob sie schon verjährt sind.“
Die Oberstaatsanwältin bedauert, dass Justin, weil öffentlich mit Foto nach ihm gesucht wurde, nun kaum vor der Öffentlichkeit geschützt werden kann. Auch deshalb sei der Junge auf eigenen Wunsch vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Außerdem schäme er sich offenbar auch vor seinen Eltern, die ihm ja den Umgang mit dem Beschuldigten untersagt hatten.

Der Beschuldigte hat eine Tochter

Dass die mutmaßlichen Neigungen des Mannes in dem beschaulichen Spreewaldstädtchen Lübbenau so lange nicht auffielen, verwundert nicht nur die Ermittler. Der Beschuldigte ist berufstätig und nicht einschlägig vorbestraft. Er lebte vor einigen Jahren zumindest zeitweilig auch in einer Beziehung. Später trennte er sich von der Frau und wohnte seither allein.
Nur seine Tochter besucht ihn ab und an. Sie war auch in den vergangenen Wochen mehrmals bei ihm, hat aber den versteckten Justin dabei offenbar nicht bemerkt. Ihre Mutter, die schon seit längerer Zeit nicht mehr in Lübbenau wohnt, reagierte schockiert auf die Vorwürfe gegen ihren einstigen Partner. Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass die Tochter auch gefährdet war, die mutmaßlichen Opfer seien bislang allesamt Jungen oder junge Männer gewesen, hieß es. Justin bleibt zunächst in Obhut des Jugendamtes und wird dort auch psychologisch betreut.

1 Kommentar

Neuester Kommentar