Der Tagesspiegel : Schuften statt schwänzen

Im Storchendorf Linum will ein Sozialarbeiter problematische Jugendliche wieder auf Kurs bringen

Matthias Matern

Linum - Die erste Lektion lautet: Wer etwas haben will, muss dafür arbeiten. Und zu tun gibt es genug in dem alten Bauernhaus. Im Dachgeschoss klaffen Löcher in der Decke, auf den Dielen liegen Schutthaufen, alles ist mit einer Staubschicht überzogen. „Die Jugendlichen müssen sich hier ihre Zimmer zusammen mit einem Arbeitspädagogen selbst ausbauen“, sagt Andreas Dalibor mit leichtem Grinsen. Gemeinsam mit seinem Partner Daniel Majid hat der Diplomsozialarbeiter aus Berlin vergangenes Jahr ein ehemaliges LPG-Grundstück in Linum in der Ostprignitz gekauft. In der ländlichen Idylle des Storchendorfes wollen sie junge Schulschwänzer wieder in ein geregeltes Leben führen. Bereits Ende Dezember sollen die ersten neun einziehen.

Übergangsweise werden die Jugendlichen, die das Kreisjugendamt schickt, im Erdgeschoss des Haupthauses untergebracht. Im Gegensatz zum heruntergekommenen Dachgeschoss sind hier bereits alle Räume frisch gestrichen, Teppichböden akkurat verlegt, das Badezimmer ist gefliest, die Klospülung funktioniert. Zudem hat Andreas Dalibor neue Fenster einsetzen und das Dach decken lassen. Rund 60 000 Euro hätten Dalibor und Majid bisher investiert. Bis zur Fertigstellung sei noch einmal so viel nötig. Für jeden Jugendlichen, der zu ihm kommt, erhält Dalibor 90 bis 105 Euro pro Tag an Betreuungsgeld vom Jugendamt.

Neben dem Wohnprojekt in Linum betreibt er im Kremmener Ortsteil Beetz zwei weitere Häuser. Dort betreut der 49-Jährige derzeit elf Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren. Sechs fest angestellte Pädagogen gehören zum Team. Für die Einrichtung im Storchendorf will Dalibor vier weitere Erzieher anstellen und einen projektbezogen beschäftigen. Insgesamt 14 Jugendliche sollen auf dem alten LPG-Hof betreut werden.

Die Probleme, wegen derer sie nach Linum geschickt werden, gleichen sich oft, erzählt Dalibor. Es gab kein geregeltes Familienleben, in der Schule fehlten sie immer öfter. Gelegentlich kamen Probleme mit Alkohol oder Diebstählen dazu. Bei seiner Arbeit setze er deshalb vor allem auf Identifikation und Authentizität, sagt der Sozialpädagoge. „Indem sie mithelfen, die Gebäude auszubauen und Aufgaben zu übernehmen, entsteht eine enge Bindung zum Haus.“ Mit Authentizität meine er dagegen eher sich und seine Mitarbeiter. „Wir verstellen uns nicht. Das sorgt für Glaubwürdigkeit“, weiß Dalibor aus Erfahrung. Bevor er nach Brandenburg ging, arbeitete er in Berliner Tageseinrichtungen. Im Unterschied dazu könne er die Jugendlichen jetzt in kleinen Gruppen individuell betreuen.

Eine eindruckvolle Erscheinung ist Andreas Dalibor mit seinem schweren Motorrad allemal. Vor allem für junge Männer, denen zuhause feste Strukturen und Rollenvorbilder fehlten. „Der erste Unterschied bei uns ist, dass jemand da ist, der ihnen zeigt, wo es lang geht.“ Das heißt, sie gehen vormittags zur Schule oder zum Praktikum, danach erledigen sie andere Pflichten, und erst wenn alles getan ist, gibt’s Freizeit. „Mist bauen kommt immer durch Langeweile“, sagt Dalibor.

Gegen eventuell aufkommenden Überdruss hat sich der Sozialpädagoge bereits einiges ausgedacht. „In der alten Remise sollen fünf Appartements entstehen, die Garagen werden zu Werkstätten ausgebaut.“ Dort könnten die Jugendlichen zum Beispiel an ihren alten Mofas schrauben oder Fahrräder reparieren. Profitieren sollen seine Schützlinge künftig auch vom Tourismus im Storchendorf Linum. Geplant ist ein Café, das von den Jugendlichen betrieben werden soll. „So können sie sich ihr Taschengeld aufbessern“, meint Dalibor – gemäß Lektion eins. Matthias Matern

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