Der Tagesspiegel : Schule ohne Lehrer

Am evangelischen Gymnasium Neuruppin haben die Zwölftklässler für zwei Tage den Betrieb übernommen

Daniela Martens

Neuruppin - Thomas Kannenberg steht gelassen vor der Klasse. Er hat sich gut auf seinen schwierigen Unterrichtsstoff vorbereitet: „Wenn man sich fragt, warum Gott den Holocaust zugelassen hat, dann nennt man das die Theodizee- Frage“, doziert der hochgewachsene junge Lehrer und schreibt das schwierige Wort an die Tafel. Dann dreht er sich um und blickt wieder in 20 fragende Schülergesichter. „Aber das lernt ihr eigentlich erst in der Zwölften: Wir hatten das gerade“, ergänzt der Schülersprecher des evangelischen Gymnasiums Neuruppin.

Der 18-Jährige unterrichtet an diesem Montagmorgen die 9a in Religion – gemeinsam mit der 19-jährigen Friederike Thieme. Die Schüler des zwölften Jahrgangs haben für zwei Tage die Schule übernommen: Gestern und vorgestern unterrichteten sie alle Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse, jeweils zu zweit oder zu dritt. Außerdem erledigten sie die Sekretariatsaufgaben, betreuten die Hortkinder, gaben das Mittagessen in der Kantine aus und arbeiteten als Hausmeister.

Am Morgen hat Schulleiterin Anke Bachmann ihren Stellvertreterinnen die Schlüssel zur Schule übergeben. Katharina Schade und Anne Deter teilen sich den verantwortungsvollen Job für zwei Tage. Die Direktorin hat sich gleich nach der Schlüsselübergabe zu den anderen Lehrern in die nahe Klosterkirche begeben – zur Lehrerfortbildung. Nur in der Grundschule sind für den Notfall einige Lehrer da – aber außer Sichtweite.

Dafür ist die neue Schulleiterin Anne Deter umso sichtbarer: Mit ihrem Sakko, der eleganten Brille auf der Nase und dem kompetenten Blick passt sie bestens in ihre neue Rolle: Sie hat den Stundenplan für die 15 Klassen organisiert und weiß stets, wer was wo als Nächstes tun muss. Sie selbst unterrichtet Deutsch und Latein und beaufsichtigt nebenbei auch noch eine Gruppe der Projektwoche der elften Klassen – die basteln in der Aula, die gleichzeitig auch als Kantine fungiert, eine Theaterkulisse.

Organisiert hat das Projekt „Eintauchen – Schüler machen Schule“ der Mathe-Leistungskurs von Schulleiterin Bachmann, die Idee dazu hatte sie aus der Schweiz. Anne, Thomas und die anderen haben schon kurz vor Ostern mit der Planung begonnen. Alle Schüler wurden befragt, welche Themen sie gern an dem Tag behandeln wollten. In der 9a war das „die Zukunft der Religionen“. Die Lehrpläne haben Schüler dann selbst ausgearbeitet, mit Unterstützung des jeweiligen Fachbereichsleiters. Auch die Raumverteilung hat der Leistungskurs geplant und den „Dienstplan“ der zwei Tage.

Einige Zwölftklässler beweisen dabei eine beeindruckende Flexibiltät: Die Sekretäre unterrichten auch noch Mathe. Und Chefhausmeister Gabriel Hutfilz steht mittags vor der 10c: Er bereitet die Jüngeren in Chemie auf ihre zentrale Prüfung vor. Auch das ist ein wichtiger Aspekt des Projekts – die Zwölftklässler können wertvolle Tipps geben, schließlich ist die Prüfung bei ihnen noch nicht lange her. Vor dem Auftritt im Chemielabor hat Gabriel in vier Stockwerken die Handtücher in den Waschräumen ausgetauscht. Stilecht trägt er dabei eine blaue Wollmütze tief ins Gesicht gezogen. „Ich wusste nicht, wieviel Arbeit das ist.“

Eine weitere Überraschung hat es schon am frühen Montagmorgen gegeben, als die ersten Hortkinder um 7.15 Uhr vor der Tür standen. „Das hatten wir nicht so richtig mit eingeplant“, gibt Thomas Kannenberg zu. Trotzdem hat alles gut geklappt. Der Schülersprecher und die meisten anderen Zwölftklässler waren ohnehin schon längst in der Schule. Mehrere Stunden später zieht „Grundschulleiterin“ Marie Mach ein erstes Resümee: „Es war anstrengend, hat aber wirklich Spaß gemacht“, sagt sie. Trotzdem will sie lieber Medizin studieren: „Der Job als Grundschullehrerin ist mir zu hart.“

Gegen zwei sind dann doch noch einige Erwachsene im Treppenhaus zu erspähen: Eltern holen ihre Kinder aus dem Hort ab. „Schön, dass die Großen und Kleinen sich mal kennen lernen,“ sagt Mario Tarun, Vater einer Zweitklässlerin. „Ich fand’s ganz okay, aber wie immer, wenn wir andere Lehrer haben, war es zu laut“, ist das Fazit der siebenjährigen Clara. „Das ist halt so“, ergänzt sie und zuckt mit den Schultern.

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