Der Tagesspiegel : Schule unterrichtet Schritt, Trab, Galopp

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Aufgeregt zappeln die Schüler der siebten Klasse im Flur der Reithalle hin und her. "Wir wollen endlich zu unseren Pferden", drängelt die 13-jährige Michaela Fanslau und zeigt mit ihrem Köfferchen in Richtung der Ställe. "Da sind Bürsten für die Pferde und Kämme für die Hufe drin. Schließlich können wir nicht mit einem schmutzigen Tier reiten." Mit einem großen Jubel wird ihr Betreuer Hendrik Falk begrüßt. Der Pferdewirtschaftsmeister liest den Zettel mit der Einteilung für die kommenden zwei Stunden vor. In Windeseile verschwinden die 16 Mädchen und die beiden Jungs zu den Pferden. Der Unterricht im Fach "Reiten" kann beginnen. Am Ende wird sich herausstellen, dass die Zeit wieder viel zu schnell verging.

Das Fach wird seit zwei Monaten in Neustadt/Dosse angeboten. Die Chefs des dortigen Haupt- und Landgestüts waren gleich Feuer und Flamme für die Idee der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Zusätzliche Einnahmen und kostenlose Werbung waren garantiert, denn so ein Fach gibt es nirgendwo in Deutschland. Das Bildungsministerium willigte ein, so dass "Reiten" gleichberechtigt neben den Wahlpflichtfächern Französisch und Arbeitslehre zur Auswahl steht. Wöchentlich eine Stunde Theorie und zwei Stunden Praxis stehen auf dem Plan. Am Ende des Schuljahres soll jedes Kind die drei Gangarten Schritt, Trab und Galopp beherrschen und dafür Zensuren erhalten.

Am Anfang steht für die meisten Teilnehmer das Holzgerüst. Hier üben sie den richtigen Sitz des Sattels und das Auf- und Absteigen. Dann dürfen sie auf "Eschnapur", "Silbermond" und die anderen mit 16 bis 20 Jahren schon betagten Pferde. Sie sind im Umgang mit den Menschen erfahren und nicht so temperamentvoll. Dennoch überrascht der Mut der Mädchen und Jungen. Immerhin 600 Kilogramm bringen die 1,75 Meter großen Pferde im Schnitt auf die Waage. Doch ohne Hemmungen gehen die Schüler auf die Tiere zu und helfen sich beim Aufsitzen.

"Ohne Teamgeist geht nichts", sagt Meister Falk aus dem Gestüt. "Ein Kind allein schafft die Übungen nicht." Der Trainer "mit allen Lizenzen", wie er sagt, setzt hohe Maßstäbe an den Unterricht. Die Liste der Ziele will kein Ende nehmen: Vertrauen, Geduld, Sauberkeit, Sportsgeist, Umgang mit fremden Lebewesen. "Der Mensch wird durch das Tier gut", meint Falk, der mit der Sport- und Erdkundelehrerin Christiane Uhle den Unterricht leitet.

Nicht nur aus Neustadt stammen die Teilnehmer. "Ich habe von dem Projekt im Sommer gehört und wollte sofort auf diese Schule", erzählt die 12-jährige Anne Heinz. Sie kommt aus dem 50 Kilometer entfernten Oranienburg und suchte sich eine Pflegefamilie im Ort des Gestüts. "Nach dem Abitur will ich Tiermedizin studieren. Da passt das neue Fach wunderbar." Hält die Nachfrage an, soll in Neustadt in der Nähe des Gestüts ein Internat entstehen. Dann könnte der vorerst bis zur 10. Klasse geplante Unterricht bis zum Abitur fortgesetzt werden. Der erste Jahrgang ist jedenfalls begeistert. Ein lautes "Schade" am Ende der Stunde sagt alles.

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