Der Tagesspiegel : Schwere Ermittlungspannen im Fall Ermyas M.

Nach Aussage der Ehefrau waren mehr Menschen am Tatort als bisher bekannt Kriminalpolizei wurde zur Spurensicherung angefordert, erschien aber nicht

Sandra Dassler

Potsdam - „Ich schäme mich ja selbst für diese Fotos“, sagte der Streifenpolizist, der gestern im Prozess um die Attacke auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. aussagte: „Aber mit unserer Technik war einfach nicht mehr zu machen. Wir haben ja die Kollegen von der Kriminalpolizei angefordert. Aber es wurde uns mitgeteilt, dass keiner kommt.“

Die Verteidiger von Björn L. und Thomas M., die wegen schwerer Körperverletzung beziehungsweise unterlassener Hilfeleistung angeklagt sind, sprachen von „schweren Pannen“ bei der Spurensicherung. Anwalt Matthias Schöneburg nannte es „sehr ungewöhnlich, dass der Tatort nicht von Spezialisten untersucht wurde, wie bei solchen Delikten üblich“.

Die Streifenpolizisten, die in der Nacht zum Ostermontag vergangenen Jahres zum Tatort gerufen wurden, taten ihr Bestes, aber es reichte nicht: Die Fotos sind nach Aussagen der Verteidiger „schwarz und kaum zu erkennen“, die Scherben verschiedener Bierflaschen, die in der Straßenbahnhaltestelle Charlottenhof lagen, wurden in eine einzige Plastiktüte gesteckt. Die DNA-Spur auf einer der Flaschen, die dem 31-jährigen Angeklagten Thomas M. zugeordnet wird, verlor dadurch nach Aussagen der Verteidiger so an Beweiskraft, dass ihn der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof, der nach der Tat die Untersuchungen übernommen hatte, aus der Haft entließ.

Die Staatsanwälte wollten sich dazu gestern nicht äußern. Auch Fragen, die sich aus der Zeugenaussage der Ehefrau des Opfers ergaben, wurden von ihnen nicht beantwortet. Steffi M., die seit 1998 mit Ermyas M. verheiratet ist, hatte zur Überraschung vieler Prozessbeobachter erzählt, dass in der Tatnacht gegen 4 Uhr ihr Handy geklingelt und sich zunächst die Mailbox gemeldet habe. Noch bevor sie diese abhören konnte, sei ein direkter Anruf gekommen, den sie angenommen habe. Es sei ihr Mann gewesen, der sich aber nicht meldete. Sie habe geglaubt, dass er das Handy aus Versehen laufen ließ und Hintergrundgeräusche gehört: „Erst waren da Stimmen weit weg, plötzlich hat ein Hund ganz nah und aggressiv gebellt. Ich habe mich gewundert, dass Ermyas ihn nicht wegjagt, er mag Hunde nicht. Dann hat eine Stimme gesagt: ,Lass uns abhauen!‘ Etwas später waren da noch zwei andere Stimmen – eine männliche und eine weibliche, die sagten in Panik: „Der regt sich nicht mehr. Soll ich die 110 oder 112 anrufen?’“ In diesem Moment sei ihr klar gewesen, dass etwas passiert sein musste, sagte Steffi M.

Sie habe sich angezogen und sei sofort losgefahren. Als sie zum Tatort kam, traf sie schon Beamte der Wasserschutzpolizei an: Um 4.03 Uhr war der Notruf eingegangen. Erst viel später – im Krankenhaus – bemerkte Steffi M. jenen Anruf, den ihre Mailbox um 3.58 aufgezeichnet hatte: Zweimal wurde dieser gestern im Gerichtssaal abgespielt: Deutlich ist darauf nur die Aufforderung von Ermyas M. an seine Frau zu hören, endlich ans Telefon zu gehen. Und jene piepsige Stimme, die angeblich dem Angeklagten Björn L. gehört: „Hey, Nigger“. Danach folgt ein Streit mit offenbar gegenseitigen Beleidigungen. Die Aufzeichnung endet mit dem Ausruf von Ermyas M.: „Oh nee“. Man meint zum ersten Mal Angst in seiner Stimme zu hören.

Was in den fünf Minuten zwischen 3.58 Uhr und 4.03 Uhr geschah, ist nach diesem zweiten Prozesstag unklarer denn je. Zumal Steffi M. die Frage des Richters, ob die Stimme, die sagte „Lass’ uns abhauen“ mit einer der Stimmen auf dem bisher der Öffentlichkeit bekannten Mailbox-Mitschnitt identisch sei, verneinte. Waren also noch andere Personen am Tatort als bislang bekannt? Wem gehörte der Hund? Wurde nach seinem Besitzer gesucht? Die Staatsanwälte verwiesen gestern nur darauf, dass sich durch die weiteren Zeugen, vieles klären würde.

Ermyas M. selbst, der als erster Zeuge ausgesagt hatte, konnte zur Wahrheitsfindung nicht viel beitragen. Er erinnere sich daran, am Ostersonnabend bei Freunden gesessen zu haben, erzählte der 38-jährige Wasserbau-Ingenieur, der gestern viel gefasster als am ersten Verhandlungstag wirkte. Es wurde gegrillt, gegessen, getrunken. „Jemand hat Gitarre gespielt“, sagte er: „Das hat mir gefallen, sonst wäre ich nicht so lang geblieben“. Gegen drei sei er mit seiner Frau nach Hause gelaufen, habe ihr aber gesagt, dass er noch zu einem Freund gehen wolle.

Hier endet die Erinnerung von Ermyas M., der angibt, einige Bier und auch einige Spirituosen getrunken zu haben. Dass er sich noch ein Bier mit auf den Weg nahm, dass er seine Frau anrief – an all’ dies habe er keine Erinnerungen. Nur, dass er, als er Wochen später aus dem Koma erwachte, zuerst zu seiner Frau gesagt habe: „Da waren zwei Rechtsradikale am Bahnhof“ – das sei vielleicht ein Erinnerungsfetzen.

Vorher sei er nur ein Mal bedroht worden, erzählte Ermyas M.: In Rostock habe er sich vor einigen Jahren mit drei Rechtsradikalen konfrontiert gesehen, die ihn seiner Ansicht nach angreifen wollten. Letztlich sei damals nichts geschehen, aber die Bedrohungssituation sei ihm noch gewärtig. Ansonsten habe er keine Erfahrung mit rassistischen Angriffen gemacht, sagte er: „Sprüche gibt es natürlich. Besonders wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin. Dann rufen sie zum Beispiel: ,Such Dir mal ’nen andern Mann!‘“.

Steffi M. hat sich noch keinen anderen Mann gesucht, obwohl sie vor zwei Jahren die Scheidung von Ermyas M. eingereicht hatte. „Vor der Tat hatten wir aber wieder zusammengefunden“, sagte die schlanke, selbstbewusste 32-Jährige. Ermyas sei oft bei ihr, auch wegen der gemeinsamen Kinder, die er sehr liebe. Die beiden Angeklagten verfolgten den Prozess, der am Mittwoch fortgesetzt wird, auch gestern schweigend und regungslos.

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