Der Tagesspiegel : Serow leistete heftigen Widerstand gegen Transport ins Gericht

POTSDAM (ADN).Knapp eineinhalb Jahre nach der Entführung und dem Tod des 20jährigen Gastwirtssohn Matthias Hintze aus Geltow (Potsdam-Mittelmark) hat gestern der Prozeß gegen die beiden geständigen Entführer begonnen.Unter starken Sicherheitsvorkehrungen wurden der 38jährige Sergej Serow und der zehn Jahre jüngere Wjatscheslaw Orlow ins Potsdamer Landgericht gebracht.Orlow verweigerte zunächst die Aussage.Er sei in schlechter psychischer Verfassung und wolle sich später äußern, sagte er.Serow sagte aus, sein Komplize habe früher mit dem Vater Hintzes Geschäfte mit Zigaretten und Alkohol gemacht.Gerhard Hintze, Nebenkläger im Prozeß, bestritt dies am Rande der Verhandlung.

Serow leistete heftigen Widerstand gegen seine Vorführung.Orlow hatte sich nach Angaben seines Verteidigers aus Angst vor dem Prozeß am linken Unterarm geschnitten.Von einem Selbstmordversuch auszugehen, sei aber übertrieben.Die Verletzungen seien leicht und gleich behandelt worden.Serow und Orlow müssen sich unter anderem wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge verantworten.Für die 15 Verhandlungstage sind 19 Zeugen und vier Sachverständige geladen.

Selten gab es im Gebäude des Potsdamer Landgerichts so scharfe Sicherheitsvorkehrungen.Fast zwei Stunden mußten Dutzende von Reportern und Fernsehteams warten, bis das Spektakel begann.Alte Gerüchte von unbekannten Hintermännern und der Russen-Mafia machen wieder die Runde.Zum Prozeßauftakt mußte jeder Besucher des Gebäudes durch das Nadelöhr einer Personenschleuse, wo er auf Waffen untersucht wurde.In der Schlange vor dem Gericht mußten auch Richter, Schöffen und Anwälte warten."Miese Organisation", knurrte ein Polizeibeamter.Andererseits verstehe er die akribischen Sicherheitsvorkehrungen."Wenn diesmal wieder etwas geschieht, kann der Justizminister wirklich seinen Hut nehmen."

Auch der Nebenkläger, Vater Gerhard Hintze, steckte im Gedränge.Mühsam bahnten ihm die extra für den Prozeß engagierten Leibwächter eine Gasse.Gerhard Hintze will eine lebenslange Haft für die Männer, die für den Tod seines Sohnes verantwortlich sind.Sein Anwalt spricht von Mord, wirft der Staatsanwaltschaft eine zu weiche Anklage vor.Die beiden Angeklagten wurden mit Fuß- und Handfesseln in den kleinen Saal gebracht.Der 28jährige Orlow, der eher als Mitläufer gilt, war blaß und zusammengesunken.Als die Fotografen ein wahres Blitzlichtgewitter auslösten, vergrub er seinen Kopf in den Armen.Serow wirkte angespannt, redete mit seinem Verteidiger.

Als Serow aussagte, rang Gerhard Hintze, der ohne seine Frau gekommen war, sichtlich um Fassung.Der 38jährige Angeklagte berichtete von seinem Militärdienst an der russisch-chinesischen Grenze: "Wir wurden ausgebildet im Töten." Mehr wollte er mit Hinweis auf seinen Militäreid nicht sagen."Lautloses Töten, das können sie ruhig aussprechen", rief Gerhard Hintze dazwischen, der dem Russen noch mindestens 14 Verhandlungstage gegenübersitzen wird.

Die beiden Russen hatten vor dem Prozeß gestanden, Hintze am 14.September 1997 aus seinem Elternhaus in Geltow bei Potsdam entführt und eine Million Mark Lösegeld gefordert zu haben.Hintze starb in einem Erdloch bei Röbel in Mecklenburg-Vorpommern, in das ihn seine Peiniger eingesperrt hatten.Nach den Ermittlungen erstickte er bereits nach einigen Stunden, weil die Belüftung der Grube nicht funktionierte.Laut Anklage stellten die Beschuldigten noch Lösegeldforderungen an die Eltern und zwei Zeitungen, obwohl sie den Tod ihres Opfers bereits bemerkt hatten.Drei Lösegeldübergaben scheiterten.Serow verhalf dem Fall durch seine spektakuläre Flucht aus der Potsdamer U-Haft zu zusätzlicher Aufmerksamkeit.

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