Der Tagesspiegel : Sexualmorde: Nach Verbrechen an Kindern bleiben Trauer und Justiz-Kritik

Manfred Protze

Manfred Nytsch schießt das Wasser in die Augen. Für einen Moment versagt ihm am Freitag die Kontrolle über mühsam gehütete Tränen. "Heute", sagt er, "heute wird Ulrike in Eberswalde begraben. Und heute ist auch der dritte Todestag von Christina. Ein merkwürdiger Zufall." Dann fängt sich der 54-Jährige wieder. "An dem Tod von Christina und Ulrike Everts ist die Justiz mindestens ebenso schuld wie Ronny Rieken", geht der tief Verletzte mit wieder klarem Blick zum Angriff über.

Tränen, Bitterkeit und auch Wut tragen er und seine Frau seit drei Jahren mit sich herum. Am 16. März 1998 greift sich Ronny Rieken an einer wenig befahrenen Straße in Niedersachsen die elf Jahre alte Christina Nytsch. Rieken verschleppt sie mit dem Auto, missbraucht und ermordet sie.

Zweieinhalb Monate nach der Tat wird der Mörder mit Hilfe eines Massen-Gentests überführt. Die Nytschs verfolgen den Mordprozess bis zum Urteil. Dann versuchen sie Abstand vom Schrecken und der plötzlichen Leere zu gewinnen. Eine mehrwöchige Fernreise verschafft vorübergehend Distanz. Anfang 1999 heißt es aber wieder, Fuß im Alltag von Strücklingen zu fassen. Der aus der DDR stammende frühere Berufsmusiker und Bandleader Manfred Nytsch nimmt seine Jobs als Busfahrer und ehrenamtlicher Musiklehrer wieder auf. Frau Nytsch tritt wieder als Verkäuferin an. Doch bald merken beide: es geht nicht. Im März 2001 sind beide Nytschs gesundheitlich schwer angeschlagen. Sie sind in psychologischer Behandlung.

Eine Gen-Datenbank für alle Straftäter hält Nytsch für sinnvoll. Denn praktisch alle Sexualmörder hätten eine Biografie mit kriminellen Auffälligkeiten hinter sich. Der "Maßregelvollzug" bei Sexualtätern überzeugt Nytsch dagegen nur, wenn er "konsequent und kompetent angewendet wird". In jedem Fall aber "muss immer erst die Sühne kommen, dann die Resozialisierung."

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