Der Tagesspiegel : SPD bangte zuletzt um jede Stimme

Bei niedriger Beteiligung stieg die Chance des PDS-Kandidaten auf das Potsdamer Oberbürgermeisteramt

Thorsten Metzner

Potsdam. Betretene Mienen im Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion: Nicht einmal fünf Minuten sind gespielt, doch die Regionalligisten von Babelsberg 03 liegen gegen Dresden schon mit einem Tor im Rückstand. Ein böses Omen für den Babelsberg-Fan und Potsdamer SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Jann Jakobs? Der erhält just in diesen Minuten auf den VIP-Rängen eine weitere Hiobsbotschaft: Die Stichwahl läuft nicht gut für ihn. Schweigend nimmt Jakobs die Nachricht auf, dass – es ist kurz nach 14 Uhr – erst 20,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben. Zwar kommen noch sieben Prozent Briefwähler zu. Trotzdem ist die Wahlbeteiligung erst halb so hoch wie beim ersten Wahlgang am 22. September, als Jakobs mit 14 Prozentpunkten vor seinem PDS-Kontrahenten Hans-Jürgen Scharfenberg gewann. Er sei „angespannt“, gesteht er – tröstet sich aber gleich: „In vier Stunden kann noch viel passieren.“ Was soll er auch sagen? Der bisherige Bürgermeister, der den Vormittag mit seiner Familie in Berlin verbracht hat, weiß natürlich, was diese niedrige Wahlbeteiligung bedeutet: Wenn nicht noch ein Wunder passiert, hat er verloren. „Wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent bleibt, gewinnt Scharfenberg“, spricht es Detlef Kaminski aus, der frühere SPD-Baustadtrat in Potsdam, der neben Jakobs im Stadion sitzt. Viele Potsdamer bleiben zu Hause. Auch, weil keine neuen Wahlbenachrichtigungskarten für die Stichwahl verschickt wurden? Weil sie nicht wissen, dass notfalls der Personalausweis ausreicht? „Das Wahlgesetz sieht eine neue Benachrichtigung nicht vor“, erklärt Kreiswahlleiter Matthias Förster. „Alles ist korrekt.“

Die PDS-Wähler aber strömen trotz Dauerregens, trotz Sturmwarnungen schon seit den frühen Morgenstunden in die Wahllokale. Wie ins Leibnitz-Gymnasium im Neubaugebiet Am Stern, wo der PDS-Kandidat Hans-Jürgen Scharfenberg seine Stimme abgibt. Die meisten, die man hier fragt, geben sich als Scharfenberg-Wähler zu erkennen. Schon kurz nach 10 Uhr hatte hier jeder zehnte Wahlberechtigte seine Stimme abgegeben, weit mehr als in der Berliner Vorstadt oder als in Babelsberg, wo die SPD besonders stark ist. Scharfenberg, der den Tag um acht Uhr mit Schwimmen begonnen hat, wirkt locker und aufgeräumt. Weil er an den Sieg glaubt? „Nichts ist unmöglich“, sagt er. „Egal, wie es ausgeht, ich habe gewonnen.“ Dann bedankt er sich, schon ganz überparteilich, bei Jakobs für den „fairen Wahlkampf“. Es sei gut, dass es anders als 1993 keine Schmutzkampagne gegeben habe, ergänzt Scharfenbergs Frau Ulrike. Und dann streckt der PDS-Kandidat versöhnlich die Hand aus: Wenn er gewinnen sollte, würde er gern mit Jakobs als Sozialbeigeordneten weiterarbeiten. „Wenn er ginge, würde ich es bedauern.“ Befürchtet er nicht, dass ein PDS-Oberbürgermeister keine Mehrheit im Stadtparlament hätte, dass es Potsdams Ruf beschädigen würde? „Nein“, kontert Scharfenberg. Er wisse natürlich, dass er „misstrauisch beäugt“ würde. „Aber um so größer ist die Herausforderung.“ Es ist kurz nach 16 Uhr. Die Wahlbeteiligung liegt – Briefwähler inklusive – jetzt bei 35 Prozent. Der angekündigte Sturm ist in Potsdam noch nicht eingetroffen. Plötzlich bricht sich sogar die Abendsonne durch die Wolken. Mancher rafft sich doch noch zum Wahlgang auf und damit – vielleicht – die Abstimmung zu entscheiden.

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