Sport : 28. Berlin-Marathon: Zwei Frauen, ein Ziel

Jörg Wenig

Der Durchbruch in eine neue Zeitrechnung ist immer ein Höhepunkt in der Leichtathletik-Historie. Eines der einprägsamsten Beispiele lieferte Roger Bannister 1954 in Oxford: Der Engländer lief die Meile als Erster unter vier Minuten. Andere Läufer, die mit ihren Leistungen Leichtathletik-Geschichte schrieben, waren der Belgier Gaston Reiff, der 1949 die 3000 m unter acht Minuten lief, oder Said Aouita, der 40 Jahre später den Weltrekord über diese Strecke unter 7:30 Minuten drückte und zuvor schon die 5000 m unter 13 Minuten gelaufen war. Über 10 000 m blieb der Australier Ron Clarke 1965 unter 28 Minuten, und 1993 war es der Kenianer Yobes Ondieki, der unter 27 Minuten lief. Im Marathon schaffte Derek Clayton (Australien) 1967 eine Zeit unter 2:10 Stunden, während es jetzt schon bald um die erste Zeit unter 2:05 gehen wird. Beim Berlin-Marathon am Sonntag rückt eine andere Barriere in den Blickpunkt: Die 2:20 im Frauenmarathon. In der jungen Disziplin war es die Norwegerin Grete Waitz, die 1979 in New York unter 2:30 Stunden gelaufen war.

Inzwischen hält die Kenianerin Tegla Loroupe die Weltbestzeit. Vor zwei Jahren siegte sie in Berlin in 2:20:43 Stunden. Doch bei dem Versuch, als Erste unter 2:20 zu laufen, ist sie gescheitert wie eine Reihe prominenter Läuferinnen vor ihr: Catherina McKiernan (Irland), Uta Pippig (Berlin), Wanda Panfil (Polen) oder auch Ingrid Kristiansen (Norwegen) und Joan Benoit-Samuelson (USA). Seit Mitte der 80er Jahre träumen die Läuferinnen von der Zeit unter 2:20 Stunden. Vor 16 Jahren gab es zum letzten Mal bei einem großen Stadtmarathon eine ähnliche Konstellation wie jetzt in Berlin. Damals besiegte die Olympiasiegerin Samuelson in Chicago die Weltrekordlerin Kristiansen. Beide schlugen ein Tempo an, das gut gewesen wäre für eine Zeit unter 2:20 Stunden. Am Ende siegte die Amerikanerin in 2:21:21 Stunden, der damals zweitschnellsten Zeit. Jetzt trifft die Olympiasiegerin Naoko Takahashi (Japan) auf die Weltrekordlerin Tegla Loroupe (Kenia).

"Ich konnte in Boulder gut trainieren und bin auf einem ebenso guten Level wie im vergangenen Jahr vor den Olympischen Spielen in Sydney", sagt Naoko Takahashi, die am Sonntag zum ersten Mal überhaupt in Europa bei einem Straßenlauf startet. "Ich habe jetzt zudem das Gefühl, endlich auf einer optimalen Strecke laufen und deswegen meine Kräfte optimal ausnutzen zu können. Ich hoffe, dass ich in der Lage bin, den Weltrekord zu brechen", sagt Takahashi, die in Berlin ihren ersten Marathon nach dem Olympiasieg laufen wird. Loroupe sagt: "Die eine oder andere Läuferin wird eine Woche später beim Chicago-Marathon versuchen, unter 2:20 zu laufen. Ich will ihnen zuvor kommen."

Tegla Loroupe, die zeitweilig mit anderen Läuferinnen bei ihrem Detmolder Manager Volker Wagner wohnt und trainiert, hatte nach dem Berlin-Marathon 1999 auch 2000 in London gewonnen und galt bei Olympia in Sydney als Favoritin. Doch in der Nacht vor dem Rennen litt sie unter einer Lebensmittelvergiftung. Der Traum vom Gold war vorbei, Loroupe lief als 13. ins Ziel. Auch danach hatte die Kenianerin, die 1991 nach Deutschland kam, kein Glück mehr im Marathon. In New York wollte sie sich im vergangenen November rehabilitieren. Doch mit Krämpfen wurde sie nur Sechste.

In London im April blieb Loroupe nach fünf Kilometern stehen. Aufgrund von Muskelproblemen machte sie Dehnübungen und verlor eine Minute. Doch Loroupe gab nicht auf und zeigte eine Leistung, die jener der Siegerin nicht nachstand. Fast 30 Kilometer später hatte sie die Führungsgruppe eingeholt, am Ende fehlte ihr die Kraft. Platz acht war eine neue Enttäuschung. Auch ihr Test für den Berlin-Marathon lief nicht nach Wunsch. Wieder von muskulären Problemen geplagt, wurde sie beim Halbmarathon in Newcastle vor zwei Wochen Achte. Allerdings am Ende einer harten Trainingswoche. So attestiert ihr Volker Wagner eine erstklassige Form: "Einige Trainingswerte sind besser als vor ihrem Rekord in Berlin vor zwei Jahren. Wenn wir eine leichte Erkältung in den Griff bekommen, dann müsste ein Ergebnis unter 2:20 möglich sein."

Über Zeiten und Trainingswerte spricht Naoko Takahashi nicht. Ihr letztes Rennen machte sie in Ohme (Japan) über 30 km im Februar. Damals war sie noch längst nicht in Topform, gewann aber in 1:41:57 Stunden und hatte damit ihren Trainer Yoshio Koide überrascht, der eine um mehrere Minuten langsameres Ergebnis erwartet hatte. "Dass Tegla Loroupe am Sonntag im Rennen ist, finde ich gut. Ich sehe das nicht als Rivalität, sondern als Motivation. Sie ist eine der besten Läuferinnen der Welt", sagt Naoko Takahashi und fügt hinzu: "Ich freue mich auf dieses Rennen, ich will es genießen und hoffe, dass ich nach zwei Stunden und einigen Minuten im Ziel bin - näheres möchte ich dazu jetzt nicht sagen." Seit der Goldmedaille von Sydney hat die erste japanische Marathon-Olympiasiegerin in ihrer Heimat den Status einer Volksheldin. Derart populär ist Naoko Takahashi, dass ihre Lebensgeschichte sogar in dem Comicmagazin "Young Sunday" dargestellt wird. Als Comicfigur "Kazekko" (Die Tochter des Windes) hat sie den Berlin-Marathon bereits gewonnen. Wenn sie am Sonntag siegt, erwarten die Herausgeber eine deutliche Auflagensteigerung der derzeit wöchentlich 700 000 Exemplare.

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