Sport : Berlin-Marathon: Die Tochter des Windes fliegt durch Berlin

Jörg Wenig

Als Uta Pippig in der Nähe des Wilden Ebers stand, um als Schlussläuferin der Unicef-Staffel die letzten sieben Kilometer des Berlin-Marathons zu laufen, war Naoko Takahashi schon an ihr vorbei gerannt. Zum Thema Online Spezial: 28. Berlin-Marathon Noch stand nicht fest, ob die Japanerin tatsächlich die erste Zeit unter 2:20 Stunden würde laufen können. "Ich drücke ihr die Daumen, dass sie es schafft", sagte Uta Pippig, die dreimal den Berlin-Marathon gewonnen hat und zu jenen Läuferinnen zählt, die es verpasst hatten, als erste unter 2:20 Stunden zu laufen. Auf der Tauentzienstraße wartete währenddessen Takahashis Landsmann Hiroaki Chosa, der gemeinsam mit Innenminister Otto Schily das Zielband hielt, auf seine Landsfrau. Chosa ist der Präsident der internationalen Straßenlaufvereinigung Aims. Und jener Chosa hatte schon vor zwei Jahren zum Berliner Marathonchef Horst Milde gesagt: "In zwei Jahren werde ich in Berlin sein, und Naoko Takahashi wird kommen, um den Weltrekord zu brechen."

Er sollte Recht behalten. Nach 2:19:46 Stunden war die Olympiasiegerin im Ziel und hatte als erste Frau die Marathon-Barriere von 2:20 Stunden durchbrochen. Schon vor dem Lauf hatte die Japanerin angekündigt, eine neue Weltbestzeit laufen zu wollen. Lediglich auf den ersten fünf Kilometern hatte Naoko Takahashi aufgrund eines leichten Gegenwindes außerhalb ihrer Marschtabelle gelegen. "Da war ich aufgrund des Windes etwas besorgt, aber danach hatte ich keine Probleme mehr und war mir sicher, dass ich die Zeit erreiche", sagte Naoko Takahashi. Während ihres Rennens profitierte sie auch von so genannten "Guard Runners". Diese Läufer, die an ihrer Seite laufen, hatte der Veranstalter als Schutz in dem Massenrennen mit über 30 000 Läufern zur Verfügung gestellt. Das war durchaus sinnvoll. Denn zumindest einmal musste einer der Begleiter einen Läufer wegschubsen. Dieser hatte versucht, vielleicht um in das Fernsehbild zu gelangen, neben Naoko Takahashi zu laufen.

Viel gleichmäßiger als Tegla Loroupe bei ihrer Weltbestzeit vor zwei Jahren lief Naoko Takahashi gestern in Berlin. Und zeitweilig schien sogar eine Zeit von unter 2:19 Stunden möglich. "Ich bin enttäuscht, dass sie nicht 2:16 Stunden gelaufen ist", sagte ihr Trainer Yoshio Koide. Doch einen echten Grund, enttäuscht zu sein, gab es natürlich nicht. Erst auf den letzten Kilometern war Naoko Takahashi langsamer geworden. "Da fehlte mir die Kraft, aber ich sah die Zwischenzeit und wusste, dass ich es schaffen würde."

Im Sog des enormen Erfolges soll der live nach Japan übertragene TV-Sender Einschaltquoten von über 50 Prozent erreicht haben. Derart populär ist Naoko Takahashi in ihrer Heimat, dass sie nach ihrem Olympiasieg auch in einem Comic die Hauptrolle spielt. Das Comic-Magazin "Young Sunday" dürfte nun neue Auflagenrekorde erzielen. Die drei beim Marathon in Berlin vertretenen Redakteure rechnen mit deutlich mehr als dem normalen Wochenverkauf von 700 000 Stück. Als "Kazekko" (Tochter des Windes) wird Naoko Takahashi in "Young Sunday" dargestellt. Doch nachdem sie gestern das Ziel in Berlin erreicht hatte, wurde bei der Pressekonferenz ein neuer Name vorgeschlagen: Tochter des Taifuns.

Ob sie nun noch berühmter werden würde, wurde Naoko Takahashi gefragt. "Ich fühle mich eigentlich als eine ganz normale Person", antwortete die Japanerin, die jedoch in ihrer Heimat in der Nähe von Tokio gelegentlich eine Sonnenbrille aufsetzt, um ungestört durch die Straßen laufen zu können. Befragt nach weiteren Zielen und möglichen Steigerungen, sagte die 29-Jährige. "Ich denke, ich könnte vielleicht noch ein bis zwei Minuten schneller laufen. Ich bin jetzt Olympiasiegerin und Weltrekordlerin - jetzt werde ich mir neue Ziele setzen, aber ich weiß noch nicht welche." Vier Monate lang trainierte sie zuletzt in der Höhenluft von Boulder (Colorado).

Schon heute wartet die nächste Ehrung in Berlin: Die Vertreter von Aims wählten sie zur Läuferin des Jahres 2000. Dafür bekommt Naoko Takahashi heute den Goldenen Schuh. Diese Trophäe hatte zuletzt Tegla Loroupe zweimal in Folge gewonnen. Es spricht alles dafür, dass Naoko Takahashi auch für das Jahr 2001 den Goldenen Schuh bekommt.

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