Sport : Berlin-Marathon: Pause von der Katastrophe

Jörg Wenig

Victah Sailer wird am nächsten Sonntag beim Berlin-Marathon auf einem Motorrad sitzen. Hinter dem Fahrer und verkehrt herum, also Rücken an Rücken. Auf dem Motorrad wechselt er Filme und Fotoapparate während der Fahrt. Victah Sailer ist Sportfotograf. Der US-Amerikaner hat sich auf die großen Marathonrennen spezialisiert, und er zählt zu den Besten seines Faches weltweit. Sailer kennt die Veranstalter, Manager und viele Weltklasseläufer persönlich. Oft ist er besser informiert als die Journalisten.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Seit sechs Jahren kommt er zum Berlin-Marathon und macht eindrucksvolle Bilder aus allen denkbaren Perspektiven. Er braust als Beifahrer auf dem Motorrad zwischen den führenden Männern und den einige Minuten dahinter laufenden Frauen hin und her, klettert auf das Zielgerüst, lässt sich am Brandenburger Tor auf einer Leiter bis auf die Höhe der Quadriga heben, um das Läuferfeld von oben zu fotografieren und hätte nichts dagegen, aus einem offenen Hubschrauber Bilder vom Marathon zu machen. Höhenangst kennt er nicht. Denn Victah Sailer arbeitet - obwohl er seine Bilder inzwischen weltweit an Magazine und Zeitungen verkauft - ansonsten noch in einem anderen Beruf. Victah Sailer ist Feuerwehrmann. Feuerwehrmann in New York.

Am 11. September hat Victah Sailer Dienst in seiner Wache in Queens. Der East River trennt den Bezirk von Manhattan. Um 8.50 Uhr endet seine Schicht. Der Feuerwehrmann und seine Kollegen werden abgelöst. "Als ich die Wache verließ, hörte ich noch den Notruf und wusste, dass etwas am World Trade Center passiert war", erzählt Victah Sailer. Kurz vorher knallte das erste Flugzeug in das World Trade Center. Vielleicht hat ihm die Ablösung das Leben gerettet, vielleicht wäre ihm auch im Einsatz nichts passiert, wer weiß das schon. Nur ein relativ kleiner Teil der getöteten Feuerwehrleute kam aus Queens.

Victah Sailer ahnt nichts von der Katastrophe, er fährt zu einem Freund, um ihm Fotos zu bringen. Dort erst sieht er im Fernsehen den brennenden Turm. "Mein Freund fragte mich, was die Feuerwehrleute machen werden. Ich erklärte ihm, dass es ungefähr eine halbe Stunde dauern würde, bis meine Kollegen überhaupt dort oben ankommen würden. Es ist für uns in New York der schlimmste Fall, ein Feuer von innen bekämpfen zu müssen." Auf dem Weg nach Hause hört Victah Sailer die weiteren Meldungen im Radio. "Es war der reine Horror. Als der erste Turm zusammenbrach, wusste ich, dass ich in diesem Augenblick mindestens 100 Kollegen verloren hatte. Ich konnte es nicht glauben. Ich dachte nur noch daran, dass dieser riesige Turm zusammengebrochen war und tausende unschuldiger Menschen und die Rettungskräfte begraben hatte."

Als Victah Sailer zu Hause ankommt, sieht er auf dem Fernsehschirm einen Aufruf, dass alle Feuerwehrleute zurück zur Arbeit kommen sollen. Auf dem Weg zurück sieht er von weitem noch den zweiten Turm, und als er in der Feuerwache ankommt, ist auch dieser zusammengebrochen. "Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken, dass die Tragödie nun mindestens doppelt so groß sein würde und ich vielleicht über 300 Kollegen verloren hatte."

In etlichen 24-Stunden-Schichten hat Victah Sailer seitdem gearbeitet. "Wir müssen unsere normale Arbeit machen, wir sind am WTC, und wir versuchen, zu möglichst vielen Beerdigungen zu gehen, um die Angehörigen zu unterstützen." Dennoch rechnet er damit, am nächsten Sonntag den Berlin-Marathon fotografieren zu können. "Bitte", schrieb Victah Sailer noch in der Nacht nach dem Anschlag per E-Mail zu Freunden nach Berlin, die auf ein Lebenszeichen warteten, "betet für meine Kollegen, die morgen nicht mehr aufwachen und für ihre Familien."

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