Sport : Bis der große Tag kommt

Warum die deutsche Leichtathletik in der Krise steckt

Jörg Wenig

Berlin. Die Leichtathletik ist eine messbare Sportart. Das gilt als Vorteil. Jeder weiß, woran er ist. Für die deutsche Leichtathletik ist der Vorteil zurzeit eher ein Nachteil. Jeder sieht, wie schlecht es um sie steht. Wenn es etwa darum geht, den schnellsten Mann der Welt zu ermitteln, spielen die Deutschen schon lange keine Rolle mehr. Vor 20 Jahren war zum letzten Mal einer in einem großen Finale: Christian Haas wurde bei der ersten WM 1983 Sechster. Zu Beginn der Neunzigerjahre war von der deutschen Misere im Sprint die Rede. Zehn Jahre später, kurz vor der Weltmeisterschaft in Paris, spricht man von der Misere der deutschen Leichtathletik.

„Es ist ja seit Jahren immer das gleiche Lied. Wenn die Saison losgeht, werden die Lücken offensichtlich und das Jammern beginnt“, sagt Armin Baumert. Er hat als Leistungssportchef beim Deutschen Sportbund (DSB) Einblick in die Arbeit und Planungen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). „Man kann dem DLV keinen Vorwurf machen. Im Vergleich zu manch anderem Verband wird dort sehr professionell gearbeitet. Der DLV hat in zehn Jahren alles ausprobiert, was möglich ist, um Erfolg zu haben – trotzdem ist das Ergebnis ernüchternd“, sagt Baumert.

Die Probleme beginnen bei den Kindern. „Ihr Fitnesszustand ist erschreckend. Wir sind angewiesen auf die wenigen, die sich durchsetzen – darunter leiden auch andere Verbände“, sagt Baumert. Die nächste Hürde ist, die Talente bei der Sportart zu halten. Aus dem D-Kader der jugendlichen Leichtathleten gehen jedes Jahr 50 Prozent verloren. Dabei ist das grundsätzliche Interesse an der Leichtathletik vorhanden. Laut DLV-Generalsekretär Frank Hensel verzeichnen die Vereine bei den Kindern einen Zulauf wie selten zuvor.

Vielleicht ist das eine Folge der erfolgreichen Europameisterschaften von München 2002, als das deutsche Team 18 Medaillen gewann. Doch schon in München wurde eine Schwäche offensichtlich: Es fehlen die Siegertypen. Nur zwei EM-Titel durch den 400-m-Läufer Ingo Schultz und die 4x400-m-Staffel der Frauen sind zu wenig auf europäischer Ebene. Wer mit Platz sieben im Medaillenspiegel argumentiert, dem halten die Funktionäre des DLV gerne die Punktetabelle entgegen. Hier werden die Ränge von eins bis acht gewertet, und in der Tat sagt sie wohl mehr aus über die Leistungsfähigkeit als der Medaillenspiegel. Hier war Deutschland Zweiter. Das Problem ist jedoch: Nur Insider interessieren sich für diese Wertung. Die Öffentlichkeit braucht keine Punktetabelle, sondern Siegertypen, mit denen sie sich identifizieren kann.

Bei vielen anderen Athleten wird ein weiteres Problem deutlich. Sowohl im Training als auch im Wettkampf scheuen sie den internationalen Vergleich. Wie sagte der Stabhochspringer Tim Lobinger, der als einziger Deutscher eine Disziplin in der Jahresweltbestenliste anführt: „Viele bereiten sich unter Laborbedingungen vor und warten auf den großen Tag ihres Lebens. Bloß: Dieser Tag kommt nicht.“

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