Sport : Der Magen rennt mit Zucker fürs Gehirn

Europameister Ingo Schultz in Cottbus Dritter über 400 m Der Fall des Radsportlers Salanson bleibt mysteriös – nicht auszuschließen ist aber, dass ein Doping-Cocktail zum Tod führte

Jörg Wenig

Cottbus. Die Siegerehrung musste verschoben werden. Ingo Schultz hatte sich bei seinem ersten 400-m-Lauf seit neun Monaten derart verausgabt, dass er sich unwohl fühlte und sogar übergeben musste. Als die Zeremonie beim Cottbuser Leichtathletik-Meeting schließlich stattfinden konnte, stand Ingo Schultz auf dem kleinen Podest. Der Europameister von München 2002 und Vizeweltmeister von Edmonton 2001 war Dritter geworden. Mit 45,72 Sekunden hatte Danny McFarlane (Jamaika) vor Tomas Coman (Irland) gewonnen. Ingo Schultz, der in diesem Jahr nach einem zweijährigen Intermezzo bei LGO Dortmund wieder für die TSG Bergedorf startet, war 46,10 gelaufen.

International ist diese Zeit nichts wert, aber da es der erste 400-m-Lauf des Jahres war, war der 27-Jährige trotzdem zufrieden. Die ersten 200 Meter war Ingo Schultz losgestürmt, fast wie zu besten Zeiten, doch die Kraft reichte nur für knapp 300 Meter. Auf der Zielgerade quälte sich Schultz und wurde überholt. „Aber immerhin ist die Zeit besser als bei seinem ersten 400-m-Rennen vor einem Jahr“, sagte Trainer Jürgen Krempin. Damals war Ingo Schultz 46,30 Sekunden gelaufen – am Saisonende stand seine Jahresbestzeit bei 44,86.

„Im letzten Teil des Rennens tat es heute sehr weh. Aber bis zur Weltmeisterschaft in Paris sind es ja fast noch drei Monate hin", sagte Ingo Schultz, der in Cottbus auch die deutsche Qualifikationsnorm für die WM von 45,55 Sekunden deutlich verpasste. „Diese Zeit möchte ich aber vor den Deutschen Meisterschaften erreicht haben“, erklärte der Bundeswehr-Offizier Schultz. Die nationalen Titelkämpfe finden am letzten Juni-Wochenende in Ulm statt. Zuvor wird Ingo Schultz noch zwei 400-m-Rennen laufen: am 15. Juni in Dortmund und eine Woche später beim Europacup in Florenz.

Schultz, der vor zwei Jahren überraschend die Silbermedaille gewonnen hatte, hält sich beim Blick auf die WM in Paris zurück. „Ich will keine zu hohen Erwartungen wecken. Der Endlauf ist das Ziel. Und ich möchte eine Zeit zwischen 44,50 und 45,00 Sekunden laufen.“ Schultz und Krempin bleiben trotz des EM-Goldes realistisch. Nach den Deutschen Meisterschaften gehen sie zum ersten Mal ins Höhentrainingslager. „Ich bin gespannt, ob es anschlägt. Bei vielen Athleten klappt es, bei einigen geht es aber auch nach hinten los", sagt Jürgen Krempin. Die Weltmeisterschaftssaison dient auch schon ein wenig dem Experimentieren für die Vorbereitung auf Olympia 2004.

Von Frank Bachner

und Ralf Meutgens

Berlin. Gestern gab es keine Gedenkminute. Gestern fuhren die Radprofis bei der Deutschland-Tour los, ohne demonstrativ an ihren toten Kollegen Fabrice Salanson zu erinnern. Weshalb der Franzose plötzlich nachts starb, Stunden, nachdem er noch fröhlich im Hotel mit Konkurrenten plauderte, ist immer noch unklar. In Dresden obduziert Professor Jan Dreßler, der Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der TU Dresden, den Leichnam des 23-Jährigen. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. War Doping im Spiel? Im Moment gibt es keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf. Aber das muss nichts heißen. Denn ein intimer Kenner der Radsport-Szene, der die Dopingpraktiken kennt, sagte, wie er sich diesen plötzlichen Tod vorstellen kann: als Folge von längerer Unterzuckerung des Gehirns auf Grund von Dopingmissbrauchs. „Abends spritzt man sich zwei Einheiten Wachtstumshormon unter die Haut und gleichzeitig noch bis zu 60 Einheiten Insulin. Dann geht man ins Bett, schläft ein, erleidet einen Schock durch Unterzuckerung, fällt ins Koma und wacht nie wieder auf.“ Könnte es so bei Salanson gewesen sein?

Theoretisch schon. „Theoretisch kann man sich so umbringen“, sagt Gerhard Uhlenbruck, der frühere Leiter des Institus für Immunbiologie an der Universität Köln. Nicht bloß theoretisch, sondern durch verschiedene Quellen bestätigt ist der Einsatz der Mixtur Wachstumshormon und Insulin bei Radsportlern. Die Athleten steigen verstärkt auf diesen Mix um, weil Epo mittlerweile nachweisbar ist. Der Cocktail wirkt leistungssteigernd, und vor allem: Die Stoffe sind nicht nachweisbar beziehungsweise die Nachweismethode ist offiziell noch nicht anerkannt.

„Das Gehirn benötigt Glukose, sonst können schwere Folgen auftreten“, sagt Uhlenbruck. „Sollte das Gehirn längere Zeit keine Glukose erhalten, tritt der Tod ein.“ Mit Insulin wird der Blutzuckerspiegel gesenkt. Sportler könnten mit einer erhöhten Dosis Insulin Kohlenhydrate quasi speichern, bis sie am nächsten Tag, auf Kommando gleichfalls, unter Belastung abgerufen werden können. Uhlenbruck betont allerdings, dass er zum konkreten Fall Salanson nichts sagen kann.

Fragen zu diesem Fall können nur die obduzierenden Pathologen beantworten. Fraglich ist allerdings, ob sie wirklich auf Spuren, die auf Doping hinweisen, stoßen würden. Denn künstlich zugefügtes Insulin, das die fatale Unterzuckerung hätte auslösen können, kann nicht nachgewiesen werden. Einen Unterzuckerungsschock könnte man höchstens indirekt nachweisen, durch Spuren von Verkrampfungen zum Beispiel. Die zweite Frage ist: Wird Wachstumshormon gefunden? Der Wissenschaftler Christian Straßburger hat einen Test entwickelt, aber der ist von Sportverbänden nicht anerkannt. Auch Wissenschaftler im englischen Southampton haben gerade eine Nachweismethode entwickelt. Mit der läßt sich noch Wachstumshormon 84 Tage nach der Einnahme nachweisen. Das Problem: Die Methode wurde gerade erst gefunden, die offizielle, juristisch abgesicherte Einführung steht aber noch längere Zeit aus.

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