Deutschland und seine Unzufriedenheit : Wer meckert, hat die EM nicht verstanden

Welch ein schreckliches Turnier, moniert es durch deutsche Meinungsstücke. Nicht besser als Vereinsfußball. Doch wer so redet, hat aus den Augen verloren, worum es bei der EM geht.

Ilja Behnisch
Grottenkick? Nee, taktische Meisterleistung. Doch statt zu analysieren, wurde über Kroatien gegen Portugal nur gemeckert.
Grottenkick? Nee, taktische Meisterleistung. Doch statt zu analysieren, wurde über Kroatien gegen Portugal nur gemeckert.Foto: AFP

Wenn es nach meiner Oma geht, müssen wir uns um diese EM keine Sorgen machen. Denn „solange wir noch was zu meckern haben“, sagt sie ganz gern, „geht's uns gut“.

Und es wird gemeckert, was das Empörungsreservoir hergibt. Anfangs konzentrierte sich der deutsche Zorn noch ganz auf die eigene Mannschaft. Das Eröffnungsspiel gegen die Ukraine? Offensiv fahrig, defensiv wacklig. Die Partie gegen die Polen? Ein matter Luftzug sei ein Orkan im Vergleich zu dieser Sturmleistung. Nordirland? Naja, Nordirland. So jedenfalls wird das nichts, raunte sich Fußball-Deutschland zu. Die Mannschaft? Satt. Der Trainer? Ein wirrer Intimbereich-Fetischist ohne vernünftigen Plan. Der WM-Titel? War doch nur Glück.

Mangel an Tempo und Innovation

Kommentarspalten voller Besorgnis pflasterten die Regalmeter: Die Mannschaft entwickle sich nicht weiter, Müller spiele so beliebig wie er heiße und überhaupt würde dieser DFB-Jahrgang einfach nicht prickeln.

Eine eigenartige Stimmungslage, nach drei ungeschlagenen Vorrunden-Spielen, sieben Punkten und 3:0 Toren. Es ist, als wäre aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Richter und Henker geworden. Hauptsache drauf.

Das Teilnehmerfeld? Verwässert!

Einmal in Fahrt gekommen, wütete der deutsche Kritikaster-Mob dann auch einfach weiter. Das Teilnehmerfeld? Aufgebläht, verwässert, Albanien. Die Qualität der Spiele? Ach, hör mir auf! Und sonst? Genau!

Klar, die Stimmung auf den Rängen sei teilweise ganz gut. Nette Folklore. Aber darüber solle man doch das Wesentliche nicht aus den gestrengen Augen verlieren. Und so sehen etwa die Kollegen von „ZeitOnline“ die Spiele „manchmal nicht mal auf Drittliga-Niveau“ und vermissen „Tempo und Innovation“. ARD-Experte Mehmet Scholl empört sich in die Halbzeit der Partie Wales gegen Nordirland: „Mit unserer Sportart Fußball hat das nichts zu tun. Schlechter geht es nicht.“ Und Volkes Stimme hallt in den sozialen Netzwerken wider: Welch ein erbärmliches Turnier!

Nobody is perfect, auch nicht ein Fußballturnier

Zugegeben, einige Spiele hatten den Überraschungs- und Unterhaltungswert eines Wetterberichts für den Nordpol. Doch so ist das eben. Im Fußball, wie im Leben. Wenn alles immer Gold wäre, was wäre Gold dann noch wert? Und manchmal wiegt die Erinnerung an das Elend auch mehr, als die vermeintliche Schönheit des Augenblicks. Wer das an Folter gereichende WM-Achtelfinale zwischen der Ukraine und der Schweiz 2006 gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Schmerz verbindet.

Und Scheitern ist ein unabdingbarer Bestandteil jeder guten Geschichte. So sollten wir froh sein, dass Spieler ihre Nerven nicht im Griff behalten, dass Schiedsrichter Fehler begehen und manche Partien eben nicht so aussehen, wie es die Hochglanz-Broschüren derjenigen propagieren, die mit dem Fußball hauptsächlich Geld verdienen wollen. Und deren Geschichten so spannend sind wie die Gebrauchsanweisung für ein Buttermesser.

Es wird einfach nur ein Sieger gekürt

Ganz abgesehen davon, dass die Frage nach der Qualität und Schönheit eines Fußballspiels dem eines Glaubensbekenntnisses gleichkommt: Wer kritisiert, dass die Partien hinter dem zurückstehen, was man aus dem Vereinsfußball kennt, hat aus den Augen verloren, worum es bei einer Europameisterschaft geht.

Denn noch wird bei diesem Turnier einfach nur ein Sieger ermittelt, mithin zur besten Nationalmannschaft des Kontinents gekürt. Es werden weder Innovationspreise für taktische Finessen vergeben, noch B-Noten für vermeintlich schönes Spiel.

Welch ein schrecklich langweiliger Kick

Vielmehr geht es um das klassische „Wir gegen die“; mit sportlichen Mitteln. Darum, für sich und sein Land an- und einzutreten. Für die eigene Mentalität, die eigene Geschichte und die eigenen, fußballerischen Mittel. So begrenzt sie auch sein mögen. Wer kritisiert, dass sich Isländer, Nordiren und Ungarn in aufopferungsvollen Defensivtaktiken versuchen, hat den Fußball tatsächlich nie geliebt, sondern leidet an Event-Sehnsucht. Und offenbart nebenbei eine recht einseitige Sicht der Dinge. Tore fallen nach Fehlern. Dass selbst die vermeintlich schwächsten Mannschaften es geschafft haben, stabile, taktische Gebilde zu formieren und oft fast fehlerlos mit Leben zu füllen, ist mindestens bemerkenswert.

Doch anstatt zu analysieren, dass etwa die Portugiesen mit einer taktischen und mannschaftlichen Meisterleistung über das bis dahin spielerisch so starke Kroatien siegten, kochte es hernach wieder nur hoch: Oh Gott, welch ein schrecklich langweiliger Kick.

Aber wie sagt meine Oma so gern: „Solange wir noch was zu meckern haben, geht's uns gut.“ Nur um die deutsche Elf sollte man sich also Sorgen machen. Nach dem 3:0 über die Slowakei hatte schließlich niemand was zu meckern.

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