Die Spiele im Fazit : London und Olympia: Feuer und Flamme

Wenn Peking die Spiele der kühlen Perfektion waren, feierte London die Spiele der Menschlichkeit. Eine Bilanz der Olympischen Spiele, die gezeigt haben, dass sich dieses gigantische Spektakel auch ganz leicht anfühlen kann.

von
Die Hitze von Olympia. Gut zwei Wochen hat das olympische Feuer in London gebrannt. Am Sonntagabend wird es erlöschen.
Die Hitze von Olympia. Gut zwei Wochen hat das olympische Feuer in London gebrannt. Am Sonntagabend wird es erlöschen.Foto: dpa

Ali Kamé hat sich zu früh auf den Weg gemacht, er ist aus dem Startblock auf die Laufbahn gesprungen, aber ein zweiter Knall holt ihn wieder zurück – Fehlstart. Kamé ist 28, kommt aus Madagaskar, es sind seine ersten Olympischen Spiele. Eigentlich ist er Zehnkämpfer, in London will er 110 Meter Hürden laufen, von allen Startern bringt er die zweitlangsamste Bestzeit mit. Vor ihm baut sich ein Schiedsrichter auf und zeigt ihm mit ausgestrecktem Arm die Rote Karte. Kamé muss zurück in die Katakomben, er darf nicht Richtung Ziel, wo alle Athleten erwartet werden von Kameras und Reportern. Er geht, als ob er nie da gewesen wäre. Auf der Ergebnisliste dieses Vorlaufs wird hinter seinem Namen ein hässliches DQ stehen für Disqualified.

Das Publikum aber lässt ihn nicht einfach so ziehen. Es nimmt die Hände, um ihn zu verabschieden. Olympia ist für Kamé vorbei, das ja, aber fürs Sich-auf-London-Vorbereiten und fürs Nach-London-Kommen klatschten jetzt Zehntausende, es hört sich an wie ein warmer, prasselnder Sommerregen. Es gab einmal ein Motto, dass Dabeisein alles sei, und vielleicht wird Ali Kamé auch davon erzählen, wenn er zu Hause nach den Olympischen Spielen in London gefragt wird.

Bildergalerie: London im Olympiafieber:

Olympiafieber in London
Prinz Harry (mitte) sowie der ehemalige Premier John Major (unten rechts) feiern den Goldmedaillegewinn des schottischen Radsporthelden Chris Hoy.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Reuters
06.08.2012 10:54Prinz Harry (mitte) sowie der ehemalige Premier John Major (unten rechts) feiern den Goldmedaillegewinn des schottischen...

London sollte die Olympischen Spiele wieder an die Menschen heranholen und begreiflich machen, sie waren vor vier Jahren in Peking weit entrückt. Durch die Perfektion der Ausrichter. Durch die Politik und Propaganda der Chinesen. Durch ein Publikum, das dem Sport manchmal fragend gegenüberstand. Und durch Athleten wie Michael Phelps und Usain Bolt, deren Leistungen übermenschlich erschienen, Phelps erschwamm sich achtmal Gold, Bolt rannte dreimal Weltrekord.

Also kam Olympia zum dritten Mal nach England, wo Sportarten erfunden wurden, Regeln dafür geschrieben und der Sportsgeist geboren wurde. Dieser Sportsgeist steht in London früh auf. Er will dabei sein, wenn es ums Dabeisein geht, wenn Athleten wie Ali Kamé ihren ersten olympischen Start erleben.

Bildergalerie: Alle deutschen Olympiasieger:

Deutsche Medaillengewinner bei Olympia 2012
Die Hockey-Herren retten die Ehre der deutchen Mannschaftssportler und gewinnen am vorletzten Tag der Olympischen Spiele mit einem 2:1 im Endspiel gegen die Niederlande die Goldmedaille.Weitere Bilder anzeigen
1 von 41Foto: dapd
12.08.2012 00:25Die Hockey-Herren retten die Ehre der deutchen Mannschaftssportler und gewinnen am vorletzten Tag der Olympischen Spiele mit einem...

Es gab schon schönere Olympiastadien als das Stratford Stadium im Osten Londons, außen hängen Stoffbahnen dreieckig herunter, es sieht nach Backgammon aus, und die pyramidenförmigen Flutlichter erinnern an Weihnachten. Wenn Olympia und auch die Paralympics vorbei sind, wird das Stadion zurückgebaut, ganz praktisch, London hat genügend große Stadien. Zurückbleiben wird die Erinnerung, dass hier einmal ein Publikum die Olympischen Spiele gefeiert hat mit allem, was zu ihnen gehört, mit Weltrekorden, mit Siegern, mit Dabeigewesenen, mit Gescheiterten und mit Fehlern.

Bevor es losgeht, zählt das Publikum einen Countdown herunter, und als der erste Wettbewerb beginnt, ist das Stadion gefüllt, 80 000 Plätze, vom ersten Tag der Leichtathletik an, zur Qualifikation von David Storl aus Chemnitz und den anderen Kugelstoßern. Auch einen Tag später wundert sich Storl noch darüber, was passiert ist, dass er die Silbermedaille gewonnen hat, aber auch, dass das Stadion schon in der Qualifikation voll war. „Das habe ich noch nie erlebt.“ Die Kugelstoßer gehören nicht zu den Stars der Leichtathletik.

Als die Spiele beginnen, sind auf Fernsehbildern der BBC in einigen Arenen leere Sitze zu sehen. Die Londoner schreien auf, es sind doch ihre Spiele, und als herauskommt, dass manche Sponsoren und Sportverbände einfach ihre Plätze nicht genutzt haben, da hat Olympia den ersten Skandal. Das Organisationskomitee reagiert, auf einmal sind wieder Karten im Umlauf, und zwei Tage später sind die Arenen voll. Das hat es noch nie gegeben bei Olympischen Spielen. 15 000 sitzen auf den Tribünen der Horse Guards Parade, wo Beachvolleyball Party feiert, direkt neben dem Außenministerium und Downing Street Nummer zehn. 30 000 Zuschauer kommen zur Regattastrecke auf dem Dorney Lake in Eton zu Ruderern und Kanufahrern, eine Stunde Fahrt vor den Toren der Stadt. Zehntausende füllen das Messezentrum Excel, das bei diesen Spielen die Heimat des Duells ist, im Judo, Fechten, Ringen, Boxen, Taekwondo, für den Zweikampf mit Schläger und Ball beim Tischtennis und dem zwischen Athlet und Hantel beim Gewichtheben.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben