Sport : Dieter Baumann: Lauf gewonnen, Sympathie verloren

Jörg Wenig

"Bitte reduzieren Sie diesen Lauf nicht auf einen Athleten!" Das musste der Stadionsprecher schon in der zweiten Runde des 3000-m-Rennens sagen. Denn die Pfiffe übertönten deutlich den Beifall. Je schneller Dieter Baumann lief, desto lauter wurden die Unmutskundgebungen in der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle. Erst gegen Ende des Rennens gab es wieder mehr Beifall für Olympiasieger von 1992, der in der deutschen Jahresbestzeit von 7:47,29 Minuten gewann. Doch verglichen zu den Freiluft-Titelkämpfen im vergangenen Juli musste er deutlich mehr Pfiffe ertragen. Baumann überging sie: "Damit habe ich gerechnet, deswegen stört es mich nicht." Und: "Diesen Titel widme ich dem Täter, der meine Zahnpastatuben manipuliert hat. Ich werde ihn finden."

Die Ansichten zum Fall Dieter Baumann sind in der Leichtathletik-Szene nach wie vor zweigeteilt. Da konnte der Tübinger noch von Glück sagen, dass diese Titelkämpfe nicht irgendwo in den neuen Bundesländern stattgefunden haben. Vom Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) im vergangenen Jahr nach zwei positiven Dopingproben freigesprochen, hatte der internationale Verband (IAAF) den 5000-m-Olympiasieger von 1992 gesperrt. Sowohl von Wolfgang Schoeppe, dem Vorsitzenden des DLV-Rechtsauschusses, als auch einem Richter am Oberlandesgericht Frankfurt (Main) hatte Baumann aber Erfolg mit einer Einstweiligen Verfügung, so dass er gestern über 3000 m starten durfte.

Hinter den Kulissen überwogen Skepsis und Abneigung. Wirkliche Größe hätte Baumann gezeigt, so hörte man in Dortmund immer wieder von Funktionären und ehemaligen Athleten, wenn er auf seinen Start verzichtet hätte. Die Meinungen tendierten eher dahin, dass Baumann durch seinen gestrigen Lauf an Anerkennung verloren hat. Die Stimmung in der Halle bewies das.

Spannend bleibt nun die Frage, wie die IAAF auf Baumanns Start reagieren wird. Theoretisch könnte der Weltverband regelkonform alle Athleten sperren, die bei der Veranstaltung in Dortmund angetreten sind. "Natürlich habe ich mir auch über die anderen Athleten vor meinem Start Gedanken gemacht, aber unbeteiligte Athleten zu sperren, das halte ich für höchst bedenklich", sagte Dieter Baumann. DLV-Präsident Helmut Digel fand deutliche Worte, wenn denn wirklich der Fall eintreten sollte, dass der Weltverband einen harten Kurs fährt: "Dann hat die IAAF eine Konfrontation mit dem stärksten Landesverband der Welt. Diese Regel halte ich für sittenwidrig." Denkbar ist auch, dass die IAAF den 3000-m-Lauf von Dortmund annulliert.

Für Dieter Baumann stehen weitere juristische Runden auf dem Programm. Er möchte offenbar auch Startgenehmigungen für die Deutschen Crossmeisterschaften nächste Woche in Regensburg, vielleicht auch für den Hamburg-Marathon im April erreichen. Interessant könnte schon heute die Bekanntgabe der DLV-Nominierung für die Hallen-Weltmeisterschaften in zwei Wochen in Lissabon sein. Baumann hat in Dortmund die WM-Norm unterboten und müsste dewegen vom DLV für Lissabon nominiert werden. "Das werde ich mir überlegen", sagte Baumann. "Lissabon wäre schon eine reizvolle Sache." Ironischer Schlusssatz: "Die Prämien der IIHF sollen ja auch nicht schlecht sein, oder?"

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