Sport : Edles Metall

Jörg Wenig

Think positive. Das ist das Lebensmotto von Claudia Marx. Doch so positiv hat noch nicht einmal sie gedacht. Denn was die Berliner 400-Meter-Läuferin der LG Nike gestern bei den Hallen-Europameisterschaften der Leichtathleten in Wien schaffte, war die größte Überraschung der dreitägigen Titelkämpfe aus deutscher Sicht. Die 23-Jährige sprintete zur Silbermedaille und feierte nicht nur ihre erste Einzelmedaille bei internationalen Titelkämpfen, sondern auch den größten Erfolg ihrer Karriere.

Durch die Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum gab es am Schlusstag der Hallen-EM noch eine weitere Silbermedaille für das deutsche Team. Die Stuttgarterin stellte mit 4,65 Metern einen deutschen Hallenrekord auf. Nur die Russin Swetlana Feofanowa, die mit 4,75 Metern ihren eigenen Hallen-Weltrekord wieder um einen Zentimeter steigerte, war noch besser. Auch der Höhepunkt der dreitägigen Titelkämpfe endete mit einem Hallen-Weltrekord - aber auch mit einer Enttäuschung für Österreich. Denn Stephanie Graf unterlag über 800 Meter überraschend der Slowenin Jolanda Ceplak, die noch bei der WM 2001 keine Rolle gespielt hatte. Nun verbesserte die 25-Jährige den 14 Jahre alten Hallen-Weltrekord der Neubrandenburgerin Christine Wachtel.

Die Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes kehren mit einer Gold-, zwei Silber- sowie drei Bronzemedaillen aus Wien zurück. Das ist eine durchaus ansehnliche Bilanz, gemessen daran, dass eine Vielzahl von Leistungsträgern fehlten. "Wir hatten mit diesem Team zwei erfolgreiche Tage. Einige junge Athleten haben sich für die Europameisterschaften in München ins Gespräch gebracht. Dazu gehören Claudia Marx, die Hürdensprinterin Kirsten Bolm und die Hochspringerin Kathryn Holinski", freute sich Mannschaftsleiter Rüdiger Nickel.

"Dieser Erfolg ist sicherlich eine große Motivation für die EM im Sommer", sagte Claudia Marx, die im 400-Meter-Finale auf den letzten 50 Metern noch drei Plätze gutmachte und scließlich hinter der großen Favoritin Natalja Antjuch aus Russland ins Ziel lief. Zwei Staffelmedaillen über 4x400 Meter hatte Claudia Marx im vergangenen Jahr bereits gewonnen: Bronze bei der Hallen-WM, Silber in Edmonton. Damit hatte sie ihr Selbstvertrauen gestärkt und mehrere unglückliche Jahre hinter sich gelassen, die sie ohne ihr positives Denken vermutlich aus der Bahn geworfen hätten. Nach einem Autounfall lag sie im Mai 1998 mehrere Tage im künstlichen Koma. Vor zwei Jahren stand sie bereits im Hallen-EM-Finale von Gent, wurde aber von einer Konkurrentin umgerannt. Eine spätere Verletzung ließ ihr dann im Frühjahr keine Chance auf eine Olympiaqualifikation.

"Nach den Erfolgen des vergangenen Jahres bin ich gelassener geworden, ich laufe ruhiger", sagt Claudia Marx, die sich trotz einer Erkältung und Zahnschmerzen vor zwei Wochen bei den Deutschen Meisterschaften hinter Grit Breuer auf 51,80 Sekunden verbessert hatte. Damit war sie mitten hinein in die Weltklasse gelaufen. München ist nur ihr nächstes großes Ziel. Doch ein bisschen denkt Claudia Marx auch schon an das Jahr 2005, wenn die Weltmeisterschaften in ihrer Heimatstadt stattfinden könnte. "Das wäre eine große Sache für mich, zumal ich dann im besten Alter für die 400 Meter wäre." Think positive.

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