Formel 1 in Brasilien : Nico Rosberg: Bremsen oder Brechstange?

Mit einem Sieg in Sao Paulo kann Nico Rosberg Formel-1-Weltmeister werden. Kollegen raten ihm jedenfalls davon ab, auf Sicherheit zu fahren.

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In Barcelona ließ es Rosberg (links) auf einen Crash mit Hamilton ankommen. Auch in der ersten Kurve von Interlagos könnte es eng werden.
In Barcelona ließ es Rosberg (links) auf einen Crash mit Hamilton ankommen. Auch in der ersten Kurve von Interlagos könnte es eng...Foto: Imago

Im WM-Kampf kommt es auf alle Kleinigkeiten an, auch auf die Körpersprache. Nico Rosberg weiß inzwischen, wie man Selbstbewusstsein demonstriert und kleine Akzente setzt. Im Mercedes-Quartier an der Strecke von Interlagos stand am Donnerstag die Presserunde im offiziellen großen Stil an, bei der sich der Formel-1-Pilot auf ein Podium stellen und ins Mikrofon sprechen soll. Doch Rosberg hielt davon nichts. Er schnappte sich einen kleinen Sessel und machte eine entspannte Gesprächsrunde nach seinem Stil auf. Die Botschaft war klar: Hier läuft das so, wie ich es für richtig halte.

Selbstbewusst und gleichzeitig entspannt wirkte Nico Rosberg am vielleicht schon entscheidenden Rennwochenende von São Paulo. Dabei muss er vor dem Großen Preis von Brasilien am Sonntag eine knifflige Entscheidung treffen, die ihm kein Ingenieur abnehmen kann. Angesichts von 19 Punkten Vorsprung auf seinen Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton kann der Deutsche beim vorletzten Saisonrennen mit einem Sieg direkt Weltmeister in der Formel 1 werden – oder einem zweiten und einem dritten Platz in den beiden finalen Saisonrennen. Attacke oder Sicherheit – welche Strategie wählt er?

Rosberg will keine Zweifel aufkommen lassen

Alexander Wurz vermutete schon beim vergangenen Rennen in Mexiko, dass Rosberg nicht mehr volles Risiko eingeht. „Ich habe das Gefühl, er konzentriert sich im Moment ein bisschen zu sehr auf Hamilton und verliert dabei vielleicht ein bisschen von seiner Lockerheit“, sagte der frühere Grand-Prix-Pilot. „Wahrscheinlich versucht er insgeheim doch, seinen Vorsprung zu verwalten, anstatt weiter voll anzugreifen. Das ist gefährlich.“

Rosberg streitet das selbstredend ab. Nach außen hin lässt er keine Zweifel an seinem Fahrplan für Brasilien aufkommen: „Ich fahre hier voll auf Sieg.“ Aber zumindest in Austin sah es beim Duell in der ersten Kurve tatsächlich so aus, als ginge er ein bisschen vorsichtiger zu Werke als in ähnlichen Situationen dieser Saison. Auch Rosbergs Vertrauter Gerhard Berger, der für ihn dessen neuen Mercedes-Vertrag aushandelte, bestätigte dies gegenüber „Sport-Bild“ indirekt: „Ich glaube, dass Nico bis Mexiko nur keinen Ausfall riskieren wollte und deshalb Gefahren aus dem Weg ging.“ Der zweimalige WM-Dritte rät seinem Klienten aber nun zum Angriff: „Jetzt aber kann er mit einem Sieg alles selbst entscheiden. Ich würde schon in Brasilien versuchen, den Sack zuzumachen. Das heißt, aggressiv gegen Hamilton fahren, der ab jetzt mehr zu verlieren hat.“

Bergers Landsmann Niki Lauda sieht das genauso. „Nico darf auf keinen Fall auf einen zweiten Platz fahren,sondern einzig und allein voll auf Sieg“, sagte der Aufsichtsratschef des Mercedes-Teams der „Bild“. „Sonst geht’s nämlich daneben.“ Es klingt fast, als wolle er seinem Piloten vor dem womöglich größten Rennen seiner Karriere Mut zusprechen.

Bloß nicht zurückziehen, lautet Rosbergs Devise

Auch aktuelle Fahrer empfehlen Rosberg, sich nicht vom eigenen Hirn ausbremsen zu lassen. „Das Wichtigste ist, nicht allzu sehr nachzudenken“, sagt der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel, „man muss versuchen, seinen Kopf freizuhalten und das abzurufen, was man kann.“ Entscheidend sei, nicht plötzlich am Steuer anzufangen zu rechnen, findet auch Pascal Wehrlein. Der Manor-Pilot hat in seinem DTM-Meisterschaftsjahr 2015 Titelkampf-Erfahrung gesammelt. „Man muss weiterhin versuchen, auf Platz eins ins Ziel zu kommen, und nicht überlegen, welcher Rang denn nun reichen würde“, sagt Wehrlein. „Okay, in manche Zweikämpfe geht man vielleicht ein bisschen anders, als wenn man aufholen muss. Aber prinzipiell gilt: immer Vollgas geben.“

Manch anderer früherer Fahrer wird sogar noch deutlicher und fordert: „Im Notfall muss er Hamilton halt ins Auto fahren.“ Schließlich spiele ein Ausfall beider Piloten Rosberg in die Hände. So wurde etwa Ayrton Senna 1990 gegen Alain Prost in Suzuka Weltmeister. Für solche Aktionen ist Rosberg aber kaum der Typ. Er hat in diesem Jahr bewiesen, dass er im direkten Duell hart dagegen halten kann, eine vorsätzliche Kollision wird er zumindest in Brasilien aber kaum herbeiführen – zumal die Titelentscheidung dadurch noch gar nicht fallen, sondern ihn im schlimmsten Fall sogar eine Strafe für das Saisonfinale in Abu Dhabi ereilen könnte.

Ein bisschen aufpassen müssen wird Nico Rosberg also schon – besonders in der engen ersten Kurve des Kurses von Interlagos, dort krachte es schon oft. Vor allem im Regen – und der könnte am Sonntag drohen.

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