Sport : Hallen-WM: Kein Fest der Olympiasieger

Jörg Wenig

Pressekonferenz mit einer Olympiasiegerin: "Warum sitzen Sie nicht in der Mitte?", fragt ein Journalist Gabriela Szabo nach dem 3000-m-Rennen. "Ich kann doch nicht jedes Mal gewinnen", entgegnet die rumänische 5000-m-Olympiasiegerin. Die erst 25-Jährige hat so ziemlich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: unter anderem bei Olympia, bei der WM, der Hallen-EM, in der Golden League und im Grand Prix. Viermal war Gabriela Szabo Hallen-Weltmeisterin, jetzt hat sie zum ersten Mal eine Silbermedaille bei diesen Titelkämpfen gewonnen - oder doch eher Gold verloren?

"Ich bin weder überrascht noch enttäuscht von diesem Resultat", sagt Gabriela Szabo und wirkt dabei fröhlicher als die in der Mitte sitzende Siegerin Olga Jegorowa (Russland). "Ich wollte nur eine Medaille", erklärt Jegorowa, und Szabo unterbricht sie: "Aber sie hat gewonnen." Dann spricht Jegorowa weiter: "Ich dachte, Szabo gewinnt, denn sie ist besser ..." Wieder Szabo: "Aber nicht heute!" Und dann sagt die Rumänin auch noch: "Manchmal ist es schön zu verlieren. Ich habe wieder etwas gelernt, und ich weiß, was ich nun besser machen muss."

Nun sind längst nicht alle Olympiasieger in Lissabon so glücklich wie Gabriela Szabo. Denn es ist nicht die Zeit der Sieger von Sydney. An den ersten beiden Tagen hatte kein einziger von ihnen Gold gewonnen. Und einige kamen gar nicht erst auf das Siegerpodest. Zum Beispiel die Kugelstoß-Olympiasiegerin Janina Korolschik (Weißrussland), die nur Platz neun unter zwölf Athletinnen erreichte. Oder Stacy Dragila, die Stabhochsprung-Siegerin von Sydney. Erst vor kurzem hatte sie den Hallen-Weltrekord auf 4,70 m verbessert, doch bei der WM reichte es nur zum vierten Platz. Zu denen, die wie Gabriela Szabo immerhin Medaillen gewannen, zählen unter anderen der Dreispringer Jonathan Edwards (Großbritannien) oder der 1500-m-Läufer Noah Ngeny (Kenia). Dennoch, die Olympiasieger sind die Verlierer von Lissabon. Und natürlich die Deutschen, die sich somit in guter Gesellschaft befinden. Der DLV hatte von seinen fünf olympischen Medaillengewinnern nur einen am Start: Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler wurde Fünfte.

Bei der Hälfte der 28 Final-Wettkämpfen waren die Olympiasieger von Sydney gar nicht erst am Start. Wie sich zeigt, liegen 800-m-Olympiasieger Nils Schumann (LG Nike Berlin) und Co. nicht falsch mit einem Verzicht auf die Hallensaison beziehungsweise die Hallen-Weltmeisterschaft. Der späte Zeitpunkt der Spiele von Sydney und die für die Gewinner folgenden PR-Termine haben offenbar Auswirkungen auf die Form. Die Trainingszeit war knapp, die Wintersaison zudem wiederum sehr lang. Da fiel der Verzicht auf die Hallensaison nicht schwer. Leidtragende sind die Zuschauer und die Veranstalter in Lissabon. Aber vielleicht nehmen sie es wie Gabriela Szabo. Die sagte: "Es war ein schönes Rennen."

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