Sport : Kampf mit der Vergangenheit

Tauberbischofsheim war einst das Synonym für erfolgreiches Fechten. Inzwischen ist das Erbe verspielt. In London sind nur noch drei Sportler des Klubs am Start – als Außenseiter.

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In der guten alten Zeit. Anja Fichtel holte 14 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia für Tauberbischofsheim. Heute kritisiert sie den Niedergang des Standortes. Foto: Imago
In der guten alten Zeit. Anja Fichtel holte 14 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia für Tauberbischofsheim. Heute...Foto: IMAGO

Im Flur hängen Fotos. Manche sind schon vergilbt. Zeugnisse von Medaillengewinnen, aber auch vom Besuch hochrangiger Polit-Prominenz. So war unter anderem Helmut Kohl zu Gast. Der sagte, Mitte der Achtzigerjahre, wie viel Bewunderung er dafür empfinde, dass „in einer Region, die nicht gerade prädestiniert ist, um eine Medaillenschmiede zu sein“, das erfolgreichste Fechtleistungszentrum der Welt entstehen konnte. Neben dem Bundeskanzler stand Emil Beck, der Macher des deutschen Fechtwunders, und lächelte. Tauberbischofsheim gegen den Rest der Welt – so hieß lange das sehr einseitige Duell auf der Planche, das die Sportwelt faszinierte.

Es ist unwahrscheinlich, dass Angela Merkel irgendwann einfliegen wird in Mainfranken. Die Großen des Landes zeigen sich in der Regel dort, wo der Sport schöne Geschichten schreibt. Doch der Olympiastützpunkt in der Provinz hat seine besten Tage bereits hinter sich. „Früher“, sagt die 14-malige Medaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, Anja Fichtel, „war Tauberbischofsheim das Mekka, der Nabel der Fechtwelt. Alle haben auf uns geschaut. Heute schauen wir neidisch auf andere Nationen.“ Sie steht vor der elektronischen Wall of Fame im Fechtzentrum, wo alle Medaillengewinner abgebildet sind. Hier müssen die Jugendlichen aus dem Fecht-Internat jeden Tag vorbei. Hier treffen sich Vergangenheit und unsichere Zukunft. „Ich befürchte, wenn es so weitergeht, ist der Standort in seiner Existenz bedroht“, sagt Fichtel, die noch in Tauberbischofsheim wohnt und die B-Juniorinnen trainiert. „Ich bin hier in den letzten Jahren oft mit einem unguten Gefühl hergekommen“, sagt sie, „es ist nicht mehr das Miteinander, sondern nur noch Ellbogengeschiebe. Kritik will keiner hören.“ Dabei fehle es an konstruktiven Diskussionen, an Führung, sagt Fichtel, die omnipräsent ist in dem Gebäude: Überall hängen Fotos und Gemälde von der heute 44-Jährigen. Einem der Gesichter von Tauberbischofsheim. Aus den guten, alten Zeiten.

163 internationale Medaillen holten Athleten aus dem Fechtzentrum in der Ära Beck. Der ehemalige Friseur und Fecht-Autodidakt begann in einem Heizungskeller mit dem Training, gründete 1967 den örtlichen Fechtklub, kurz FC TBB. Beck wurde ein Multifunktionär: Landestrainer, Bundestrainer, Chefcoach aller deutschen Fechter. Ein Schleifer, ein Tyrann – aber auch ein Erfolgstyp, mit kurzem Draht nach oben. Zu den Fördertöpfen, von denen Tauberbischofsheim noch heute lebt. Im Jahr 2000 trat Beck nach Querelen zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn, unter anderem wegen Verdachts der Veruntreuung von Fördergeldern. Das Verfahren wurde beendet, weil Beck 2006 starb. Noch ein Jahr vor seinem Abschied hatte er betont: „Es ist alles da, um weiter Erfolg zu haben – man muss es nur gut erhalten.“

Das ist nicht gelungen. Obwohl das 13 000-Einwohner-Städtchen mit den malerischen Gassen noch immer Heimat des wohl modernsten Fechtzentrums der Welt ist. 46 Bahnen gibt es hier, Krafträume, Physiotherapie. An jedem Tag herrscht hier Hochbetrieb. Nur der Erfolg hat sich verabschiedet. Bei Olympia 2008, auch bei den letzten Weltmeisterschaften 2010, blieben die Athleten aus Tauberbischofsheim ohne Medaille. Und jetzt, nach London, reisen nur drei Sportler, die dem Klub angehören: Carolin Golubytskyi, Björn Hübner und Benjamin Kleibrink, Olympiasieger von Peking, den der Fechtklub eingekauft hat. Der Bonner ist aber nur selten vor Ort. Eine PR-Maßnahme, die sich der Klub leistet.

Die Diskrepanz zu früher ist frappierend: Noch in Seoul 1988 kamen zwölf von 15 deutschen Medaillengewinnern aus Tauberbischofsheim. Dreimal Gold, dreimal Silber, dreimal Bronze. Allein die Florettfrauen um Fichtel holten im Einzel alle Medaillen und als Team Gold. Für London konnte sich die Damen-Florett-Equipe nicht mal qualifizieren. „So lange ohne Medaille, das ist nicht unser Anspruch“, sagt Thomas Menke, Vorstandsmitglied des Fechtklubs. „Wir müssen wieder Leistung liefern.“ Menke, ein Banker, ist neu im Vorstand. Mehrere führende Köpfe wurden ausgetauscht – um endlich die Wende einzuleiten.

Jochen Färber ist der neue Geschäftsführer der Sport-Marketing GmbH, der Vermarktungsgesellschaft des Fechtklubs. Zwar sei die Sponsorenlage weiter gut, aber „auf Dauer können wir von den Erfolgen der Vergangenheit nicht überleben“. Es ist einer seiner wenigen kritischen Sätze, ansonsten ist er bemüht, sein Produkt besser zu verkaufen, als es derzeit ist. Färber will Fechten an der Tauber wieder zu mehr Glanz verhelfen. Die Wettkämpfe hat er aufgepeppt, vieles moderner gestaltet. Aber ob das ausreicht?

Manche Vereine wollen ihre Talente nicht mehr nach Tauberbischofsheim schicken – trotz perfekter Organisation im Internat. Es kostet wenig Mühe, Kritiker zu finden, aber es ist schwer, sie beim Namen nennen zu dürfen. „In Tauberbischofsheim“, sagt Didier Ollagnon, Degen-Bundestrainer, „herrschen Ignoranz und Arroganz. Aufwand und Ertrag stimmen nicht mehr, weil dort die falschen Leute arbeiten.“ Der Franzose hat versucht, das zu ändern. Aber auch er scheiterte als Sportlicher Leiter im Fechtzentrum; zusammen mit Olympia-Stützpunktleiter Daniel Strigel gab er 2010, nach vier Jahren, auf.

Strigel ist als Leiter zum Olympiastützpunkt Heidelberg abgewandert, sagt: „Es gibt viele Fechtexperten, auf der ganzen Welt, die mich immer wieder auf Defizite in Tauberbischofsheim hingewiesen haben. Diese liegen in der Trainingsmethodik, Sichtungssystematik, in der sportpädagogischen Ansprache und mehr.“ Anders gesagt, und das betont auch Ollagnon: Von den 37 Trainern seien viele unmotiviert, unkooperativ, unwillig. Viele sind schon lange im Zentrum beschäftigt, quasi unkündbar. Ein schweres Erbe der Ära Beck. Ein weiteres Problem von Tauberbischofsheim, auch begründet unter Beck: Vieles ist miteinander verwoben, so dass der Überblick schwerfällt. Fechtklub, Sportmarketing, ein Reha-Zentrum als weitere GmbH, der Olympiastützpunkt (OSP) Fechten – alles ist unter einem Dach. Weshalb der Leiter des Olympiastützpunktes, Matthias Behr, selbst ein ehemaliger Weltklassefechter, mit den Schultern zuckt: „Das Wichtigste an jedem Standort sind die Trainer. Doch mein Amt gibt es nicht her, hier in den Trainingsbetrieb einzugreifen.“

Behr leitet den OSP seit 2010, bereits zum zweiten Mal, beim ersten Anlauf wurde er depressiv. Er, Nummer vier in der Nachfolge von Beck, sagt: Ja, er sei auch am langen Schatten des Meisters gescheitert, dessen Büro er bezogen hat. Manchmal macht er die Tür auf, weil er den Geist von Beck noch spüre, was ihm Unbehagen verursache. „Ich war der Buhmann, alle Pistolen waren auf mich gerichtet – bis ich klargestellt habe: Ich habe hier nicht die Machtfülle von Beck. Ich wollte nie ein neuer Emil sein.“ Doch es fehlt an Stärke. Gerade jetzt. Mittelfristig könnte das Siegel Olympiastützpunkt in Gefahr sein. Die Administration könnte dem Olympiastützpunkt Heidelberg zugeschlagen werden. Der Deutsche Olympische Sport-Bund antwortet, auf die Probleme in Tauberbischofsheim angesprochen: „Wir werden nach den Spielen in London sorgfältig analysieren.“ In den jüngsten zehn Jahren flossen allein aus Bundes- und Ländermitteln über 20 Millionen Euro an Zuschüssen an das Fecht-Zentrum. Der Druck ist groß, weiß auch Klub-Vorstand Menke: „Jede Investition fordert irgendwann einen Cash-Flow.“

Die Krise in Tauberbischofsheim schadet dem Fechtsport. Gordon Rapp, Präsident des Deutschen Fechter-Bundes, deutet an, dass der Verband eingreifen will. Man wolle die Trainerstruktur ändern, womöglich einen sportlichen Leiter installieren. Tauberbischofsheim würde dann zwar seine Souveränität verlieren, aber es gäbe eben „keine Garantien mehr“, sagt Rapp: „Alles muss auf den Prüfstand gestellt werden.“ Ein weiterer Hieb. Kehren die wenigen Athleten aus Tauberbischofsheim wieder ohne Medaillen heim, ist Emil Becks Erbe in großer Gefahr.

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