Krise eines Golfers : Kaymers Sehnsucht nach Knödeln

In irritierender Offenheit philosophiert der sonst so verschlossene Golfer Martin Kaymer über seine Krise. Er erklärt in München, dass ihm vor allem das Heimweh in den USA zu schaffen mache.

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Raus aus dem Bunker. 2011 lag Martin Kaymer auf Position eins der Weltrangliste, seither ist er immer weiter abgerutscht. Nun will er den Abwärtstrend stoppen.
Raus aus dem Bunker. 2011 lag Martin Kaymer auf Position eins der Weltrangliste, seither ist er immer weiter abgerutscht. Nun will...Foto: AFP

„Ja, warum sind wir hier?“ Manche Menschen beginnen ein Gespräch mit solch einem Satz, wenn sie ein Arbeitsverhältnis beenden wollen, eine Scheidung ankündigen, die Insolvenz erklären. Alles unangenehme Sachen. Martin Kaymer sitzt am Dienstag morgen um elf Uhr in einem angemieteten Saal eines Münchner Restaurants vor einer Reihe von Mikrofonen und sieht die Journalisten vor sich an, die er hierhin gebeten hat. Er will erklären, wie es ist, wenn man vom Weltranglistenplatz eins auf Position 35 abrutscht, wie es passieren kann, dass ein Majorsieger und vermeintlicher Gewinner im Mittelmaß landet. Er will erklären, was er dagegen unternimmt und wie er sich dabei fühlt, wenn auf dem Golfplatz nichts richtig klappt.

„Ich bin ja derjenige, der am meisten frustriert ist. Umso mehr man versucht, umso schlimmer wird es“, sagt er über seine persönliche Misere, die in gewisser Weise ein deutsches Problem ist. Mit dem schnellen Aufstieg in der Weltrangliste ab 2008, dem ersten Majorsieg 2010 und der Spitzenposition in der Weltrangliste 2011 hatte die deutsche Golfszene einen neuen Heilsbringer gefunden. Ein netter junger Mann aus dem Rheinischen, dessen Erfolg in Deutschland die Begeisterung für den Sport in der Öffentlichkeit und in den Medien schüren sollte.

Doch der Rummel in der Öffentlichkeit war nie Kaymers Ding. „Das ist ja für mich neu, hier so im Fokus zu stehen“, sagt er am Dienstag bei seiner ersten selbst einberufenen Pressekonferenz. Eigentlich widerspricht das seiner Methodik der vergangenen beiden Jahre, in denen der Düsseldorfer Pressekonferenzen und Fernsehauftritte zunehmend mied. „Ich bin ja voll bei Ihnen“, so wirbt er nun um Verständnis für seine Zurückgezogenheit. Kaymer hat erkannt, dass es zunehmend schwerer wird, seinen deutschen Fans seinen Karriereknick zu erklären, wenn er einen Großteil des Jahres auf der US-Tour spielt und nur noch ab und an über Facebook oder Twitter ein Lebenszeichen von sich gibt.

Die Begründung, die er am Dienstag für sein Abrutschen in der Weltrangliste liefert, hat wenig mit Schwungvarianten, zu wenig Training oder Fitnessdefiziten zu tun. „Golf kann nicht alles sein“, hat er erkannt. „Vier Monate am Stück wie in diesem Jahr werde ich nicht mehr in Amerika spielen.“ Er brauche ein Stück deutsche Normalität, „ab und zu Wäsche, die nach Persil riecht“. Oder: „Weihnachten will ich auch mal zu Hause sein und eine Gans essen mit Rotkohl und Knödeln.“ Nein, jammern will er nicht. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben – aber einige Kompromisse muss man schon eingehen.“

Und trotzdem: Eine Alternative zum Profigolf sieht er nicht. „Ich liebe Golf. Aufhören geht auf keinen Fall.“ Woche um Woche arbeitet er auf ein besseres Ergebnis hin. Am vergangenen Sonntag, bei der US Open in Merion, war es trotzdem nur „Rang 59 oder 60, das ist ja auch egal“. Mittelmäßige Platzierungen interessieren nicht. An seiner eigentlichen Motivation hat sich nichts geändert. „Ich möchte nicht 20., 30. oder 100. In der Weltrangliste sein, dann höre ich lieber auf.“ Die Turniersiege, die zählen für ihn.

Ob es in dieser Woche vielleicht klappt bei der BMW International Open im GC München-Eichenried? Geht es um die reine Analyse seines Spiels, ist der 28-Jährige eigentlich nicht unzufrieden. Er hat hart gearbeitet in diesem Jahr, sein Schlagrepertoire erweitert. „Ich kann jetzt eigentlich jeden Schlag mit jedem Drall machen.“ Andererseits sind dadurch die Entscheidungen auf dem Platz komplexer geworden. „Wenn man nur eine begrenzte Auswahl an Schlägen kann, macht man die halt, ohne nachzudenken. Das ist vielleicht sogar einfacher.“

Am Ende geht es eben auch um das nötige Selbstvertrauen. Hier in München kennt er viele Fans, er spielt und fühlt sich zu Hause. „Mein Ziel Nummer eins in dieser Woche ist der Turniersieg“, sagt er. Deshalb wird er keinerlei Sponsorentermine wahrnehmen, sich nur auf sein Spiel konzentrieren und im Vorfeld des Turniers ein paar ganz normale Dinge tun: „Sie können mich ja für bekloppt erklären“, sagt Martin Kaymer. „Aber heute Nachmittag gehe ich Erdbeeren pflücken.“

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