Sport : Mit Plastikbriten auf Medaillenjagd

Für Großbritanniens Leichtathleten gilt die WM als Testlauf für die Olympischen Spiele

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Sportliche Botschafterin. Die Siebenkämpferin und WM-Zweite Jessica Ennis gehört zu Großbritanniens Hoffnungsträgern. Foto: dpa
Sportliche Botschafterin. Die Siebenkämpferin und WM-Zweite Jessica Ennis gehört zu Großbritanniens Hoffnungsträgern. Foto: dpaFoto: dapd

Das Londoner Olympiastadion ist fast fertig, doch sind die britischen Leichtathleten bereit für 2012? Acht Medaillen sollen sie bei den Olympischen Spielen in London gewinnen, so lautet das Ziel des Cheftrainers des britischen Leichtathletik-Verbandes, Charles van Commenee. Vier Medaillen hatten die Briten bei Olympia 2008 gewonnen. Darunter war das Gold von 400-Meter-Läuferin Christine Ohuruogu. Der Clou bei der Olympiasiegerin: Die Londonerin wuchs in Stratford auf, wenige Straßenecken entfernt von der Stelle, wo jetzt das Olympiastadion steht.

Ein besseres Gesicht für London 2012 hätte die britische Leichtathletik nicht finden können. Doch verletzungsbedingt läuft Ohuruogu ihrer Bestform hinterher. Und bei der WM in Daegu unterlief ihr zudem noch ein besonderer Patzer: Sie wurde nach einem Fehlstart im Halbfinale disqualifiziert.

Drei Medaillen haben die Briten bisher in Südkorea gewonnen, sieben sollen es werden. Der 10 000-Meter-Läufer Mo Farah wurde ebenso wie die Siebenkämpferin Jessica Ennis Zweiter, der 110-Meter-Hürdensprinter Andrew Turner gewann Bronze. Während Turner Glück hatte, dass er aufgrund der Disqualifikation von Dayron Robles (Kuba) auf einen Medaillenrang rutschte, hätten Mo Farah und Jessica Ennis mit etwas mehr Glück jeweils Gold gewinnen können.

Die Titelverteidigerin Jessica Ennis, die immer stärker als Pin-up-Girl für London 2012 in den Mittelpunkt gerückt ist, patzte beim Speerwurf und verlor dadurch den WM-Sieg. Spürt sie den enormen Erwartungsdruck der britischen Öffentlichkeit und Medien im Jahr vor London? „Es gibt immer Druck und eine Erwartungshaltung, das war auch vor Daegu so“, sagte Jessica Ennis.

Mo Farah sagte: „Im nächsten Jahr finden die Olympischen Spiele vor meiner Haustür statt, das ist ein Traum.“ Er hat über 10 000 Meter als erster nicht-afrikanischer Läufer seit dem Italiener Francesco Panetta (Silber 1987) eine WM-Medaille gewonnen. Mo Farah stammt zwar aus Somalia, kam jedoch schon als Achtjähriger nach England. Hätte ihn nicht der Äthiopier Ibrahim Jeilan im Schlussspurt noch abgefangen, wäre Mo Farah sogar Weltmeister geworden. „Das Heimpublikum kann 2012 sicher einen großen Unterschied machen“, sagte Mo Farah, der aus West-London stammt und in Daegu über 5000 Meter noch eine zweite Medaillenchance hat.

Mit 400-Meter-Läufer David Greene, der heute im Finale steht, dem aus Ost-London stammenden Dreisprung-Titelverteidiger Phillips Idowu und der Männerstaffel über 4-x-100-Meter haben die Briten noch weitere Medaillenchancen. Auch die 4-x-400-Meter-Staffeln sowie Weitspringer Chris Tomlinson, Jenny Meadows (800 Meter) und Tiffany Ofili-Porter (100 Meter Hürden) können eine gute Rolle spielen.

Tiffany Ofili-Porter gehört zu jener Gruppe von Athleten, die einige englische Medien inzwischen als „Plastic Brits“, Plastikbriten, bezeichnen. Rund ein halbes Dutzend von ihnen wurden in den vergangenen Monaten als Verstärkung des Olympiateams nach Großbritannien geholt. Ofili-Porter stammt aus den USA, hat aber eine britische Mutter und besaß daher schon immer beide Staatsbürgerschaften. Ganz ähnlich verhält es sich auch bei den anderen.

Ob „Plastic Brits“ oder echte Briten, 2012 werden sich alle auf die Anfeuerung eines begeisterten Publikums verlassen können. Seit Monaten sind die Olympia-Tickets für die Leichtathletik-Wettbewerbe ausverkauft. Für den Tag des 100-Meter-Finales der Männer und des 400-Meter-Endlaufes der Frauen gab es eine Million Ticketbestellungen. Die 40 000 zur Verfügung stehenden Karten wurden verlost. Für die, die kein Ticket erhalten haben, bleibt noch der Frauenmarathon in der Londoner Innenstadt.

Mit Paula Radcliffe, die am 25. September in Berlin ihr Marathon-Comeback gibt, ist dann noch eine besondere Gold-Hoffnung im Rennen. Radcliffe ist übrigens eine echte Britin.

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