Sport : Oben angekommen

Der Berliner André Niklaus wird in Moskau überraschend Weltmeister im Siebenkampf

Jörg Wenig[Moskau]

Als André Niklaus nach 1000 Metern das Ziel erreichte, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: „ Gold for Germany“. Auf seine flapsige Art feierte der 24 Jahre alte Berliner einen besonderen Triumph. Er ist jetzt Weltmeister im Siebenkampf. Dieser Sieg war eine der größten Überraschungen bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Moskau. Mit der persönlichen Bestleistung von 6192 Punkten gewann der Athlet der LG Nike Berlin vor dem US-Amerikaner Bryan Clay (6187) und dem Tschechen Roman Sebrle (6161).

Es war der erste große Sieg in der Karriere des Mehrkämpfers und das erste deutsche Siebenkampf-Gold überhaupt in der Geschichte der Hallen-Weltmeisterschaften, die in Moskau ihre elfte Auflage erlebten. Nur einmal hatte es bisher in der Halle Mehrkampf-Gold für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gegeben: 1997 hatte Sabine Braun in Paris den Fünfkampf gewonnen.

„Spätestens jetzt sehen mich die anderen wohl als ernsthaften Konkurrenten“, sagt Niklaus, der jedoch bereits bei den Weltmeisterschaften in Helsinki 2005 als Vierter in die Zehnkampf-Weltspitze vorgedrungen war. „So nah“, sagte der Berliner damals, „war ich Roman Sebrle und Bryan Clay noch nie.“ Dieses Mal in Moskau stand er sogar zwischen dem Zehnkampf-Weltrekordler und Olympiasieger Sebrle sowie dem Weltmeister Clay – und zwar auf dem Siegerpodest.

Nach einem 60-Meter-Sprint in 7,06 Sekunden und einem Weitsprung von 7,64 Meter ließ André Niklaus zwei persönliche Bestleistungen folgen und legte damit den Grundstein für eine Medaille: Im Kugelstoßen erreichte er 14,41 Meter und im Hochsprung 2,07 Meter. Auch im Sommer war er in diesen Disziplinen nie besser gewesen. Zwar lag Niklaus nach dem ersten Tag nur auf Rang sechs, doch seine stärkste Disziplin, der Stabhochsprung, stand erst am Sonntag auf dem Programm. 5,30 Meter sprang er hier – das war ein halber Meter höher als Sebrle und sogar 70 Zentimeter höher als Clay.

„Meine Stabhochsprung-Leistung war inakzeptabel“, sagte der Amerikaner später, der damit die Goldmedaille verspielte. Es war klar, dass der Berliner der stärkere 1000-Meter-Läufer sein würde. Knapp drei Sekunden vor Clay musste er das Ziel erreichen. Eine Runde vor Schluss stürmte der zweimalige Europameister der unter 23-Jährigen (2001 und 2003) los und gewann in 2:47,80 Minuten. Clay kam genau 3,12 Sekunden später ins Ziel.

Ganz am Ende hätte André Niklaus das Gold, das mit einer Prämie von 40 000 Dollar verbunden ist, allerdings fast noch verschenkt. Schon als er auf die Zielgerade einbog und noch 50 Meter zu laufen waren, begann er zu jubeln. „Ich dachte, ich könnte jubeln und trotzdem schnell laufen“, sagte André Niklaus später und fügte hinzu: „Aber dann merkte ich, dass ich deutlich langsamer wurde.“ Gerade noch rechtzeitig konzentrierte er sich wieder auf das Laufen und rettete einen minimalen Vorsprung von fünf Punkten ins Ziel. „Nach fünf Disziplinen hätte ich nicht gedacht, dass ich hier noch eine Siegchance haben würde. Doch nach dem Stabhochsprung sah die Sache anders aus“, erzählte Niklaus, der zur Bundeswehr-Sportfördergruppe gehört und vom früheren Mehrkämpfer Rainer Pottel trainiert wird.

„Nach meinem Sieg bei den Europameisterschaften der unter 23-Jährigen 2003 hatte ich mir auf dem Siegerpodest gedacht: Das wird jetzt verdammt lange dauern, bis ich wieder die deutsche Hymne höre. Jetzt ging es ziemlich schnell. Aber das wird nicht so leicht zu wiederholen sein.“ Niklaus bleibt auch beim Blick auf den Sommer mit den Europameisterschaften realistisch: „Mein Ziel sind im Zehnkampf 8300 bis 8400 Punkte – das macht Roman Sebrle mal eben aus dem Hut“, sagt Niklaus und fügt hinzu: „Der Hallen-Siebenkampf ist ja auch nur das kleine Kind des Zehnkampfs.“

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