Sport : Potenzial nach oben

Wie Stabhochspringer Sergej Bubka der Silbermedaillengewinnerin Annika Becker hilft

Jörg Wenig

Paris. Annika Becker ist genau das, was die deutsche Leichtathletik braucht. Die Stabhochspringerin überzeugt nicht nur als Athletin, sondern auch mit ihrer natürlichen Art. Wer die erst 21-Jährige beim Wettkampf beobachtet, findet keinerlei Starallüren, nichts Verrücktes, nichts Außergewöhnliches. Annika Becker ist angenehm normal und dabei überzeugend. Und sie hat noch etwas: eine Medaille – die erste, die Deutschland bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Paris gewann. Es ist zudem eine, die man nicht erwarten durfte. Denn bei ihrem zweiten Platz lag sie mit 4,70 Meter nur fünf Zentimeter hinter Swetlana Feofanowa und fünf Zentimeter vor der Weltrekordlerin Jelena Isinbajewa (beide Russland). Annika Becker ist eine, die ihre Ziele erreicht.

Angefangen hat sie als Mehrkämpferin. „Damals trainierte ich zusammen mit Jungen, die auch Stabhochsprung machten. Da haben sie gesagt, versuche es mal – und so kam ich zu dieser Disziplin.“ Die aus Bebra stammende und jetzt für Team Erfurt startende Athletin war damals 13 Jahre alt. „Ich erinnere mich, dass ich in meinem ersten Wettkampf 2,50 Meter gesprungen bin. Mein Trainer hat gesagt, das ist ganz gut, mach weiter damit.“

Sie hat weitergemacht und hatte schnell Erfolg. Mit 15 Jahren sprang Annika Becker bereits 4,01 Meter und wurde Junioren-Europameisterin. Bei ihrer ersten WM vor zwei Jahren blieb sie noch in der Qualifikation hängen. „Sicher war ich da enttäuscht, doch das Ziel war damals in erster Linie, dabei zu sein.“ Enttäuscht war sie auch bei der EM in München 2002, als sie sich mehr ausgerechnet hatte als Platz fünf. „Heute war ich besser als vor einem Jahr in München. Ich habe konzentriert lange Zeit auf diesen Tag hingearbeitet“, erzählt Becker. An Gold hat sie aber nicht gedacht, nachdem sie als Erste die 4,70 Meter übersprungen hatte und kurz in Führung lag. „Ich dachte eher, beide Russinnen würden noch höher springen“, sagte Becker, die tags zuvor noch stark verschnupft war. Auch die Siegerin war nicht ganz fit. Feofanowa hatte am Sonntag sogar Fieber.

Mit 4,77 Metern ist Annika Becker zwar deutsche Rekordhalterin, doch in diesem Jahr war sie zunächst national die Nummer zwei hinter Yvonne Buschbaum. Die Stuttgarterin kam in Paris jedoch nicht über Platz sechs hinaus. „Wir kommen gut miteinander aus. Aber es wird schwer, sie jetzt zu trösten“, sagte Becker. „Der interne Konkurrenzkampf ist sicherlich ein Ansporn und leistungsfördernd.“

Mit 23 Jahren war die Siegerin Swetlana Feofanowa die älteste Stabhochspringerin auf dem Siegespodest. „Es ist toll, diese neue Generation von Springerinnen zu sehen. Ich fühle mich wie ein Pionier“, sagte die viertplatzierte Titelverteidigerin und Olympiasiegerin Stacy Dragila (USA), die in ihrer Karriere siebenmal den Weltrekord verbesserte. Doch in Sachen Technik oder Athletik guckt sich Annika Becker bei ihren Konkurrentinnen nichts ab. Viel eher ist der Serienweltrekordler Sergej Bubka das Vorbild. „Ich habe Videos mit seinen Sprüngen – und manchmal schaue ich mir die an.“ Der Ukrainer war der Erste, der die sechs Meter übersprang. Bei den Frauen ist es inzwischen nicht mehr weit bis zum ersten 5-Meter-Sprung. „Er wird kommen, aber ich weiß nicht wann – vielleicht nächstes Jahr, vielleicht auch erst in fünf Jahren“, sagt Annika Becker. Auch die 21-Jährige hat noch Potenzial, zumal sie sich bisher nicht komplett dem Sport widmet. Nebenbei studiert sie seit eineinhalb Jahren Erziehungswissenschaften in Erfurt.

Ob sie manchmal Angst hat vor den Sprüngen, wird sie gefragt. „Ich habe Respekt, aber keine Angst – Angst darf man nicht haben“, sagt sie. „Nur auf Leitern steige ich nicht so gerne.“

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