Skirennläufer Neureuther : Ein Felix für zwei Fälle

Skirennläufer Felix Neureuther galt als Slalom-Spezialist. Doch nun glänzt er auch im Riesenslalom – das macht Hoffnung für Olympia. In dieser Saison will er nicht nur seinen Vorsprung vor dem Rest verwalten, sondern aggressiver auf Sieg fahren

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Balanceakt auf der Piste. Felix Neureuther will in dieser Saison nicht nur seinen Vorsprung vor dem Rest verwalten, sondern aggressiver auf Sieg fahren. Im Riesenslalom ist ihm das in Adelboden eindrucksvoll gelungen.
Balanceakt auf der Piste. Felix Neureuther will in dieser Saison nicht nur seinen Vorsprung vor dem Rest verwalten, sondern...Foto: afp

Wer schnell ist in Adelboden, hebt im wahrsten Sinne des Wortes ab. Nicht auf der Skipiste, aber hinterher. Da schweben die drei Besten der Weltcuprennen in einer offenen Gondel über den Zuschauern im Zielraum. Felix Neureuther winkte am Samstag herunter ins Publikum und genoss den Moment. Die Fahrt dauerte nur ein paar Minuten, doch so richtig landete der 29-jährige Skirennläufer vom SC Partenkirchen erst einen Tag später. Als er beim Weltcup-Slalom mit dem nächsten Podiumsplatz vor Augen kurz vor dem Ziel einfädelte. „Vielleicht tut’s auch ganz gut, dass ich ausgeschieden bin, damit wieder ein bisschen Ruhe einkehrt“, sagte er ernüchtert.

Neureuther hat eine aufregende Woche hinter sich. Fünf Tage nach seinem Slalom-Sieg von Bormio schaffte er am Samstag im Riesenslalom von Adelboden Historisches, denn er beendete eine 41 Jahre dauernde deutsche Flaute. Max Rieger hatte im März 1973 den bisher einzigen Weltcup-Erfolg für das deutsche Männerteam in dieser Disziplin geschafft. „Wenn ich denke, wo ich vor zwei Jahren im Riesenslalom noch war, ist das schon etwas Unglaubliches“, sagte Neureuther. Vergeblich hatte er Winter für Winter versucht, den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen, sich neben dem Slalom ein zweites Standbein im Weltcup zu schaffen. Erst die vom Weltverband Fis verordnete Materialumstellung zu Beginn der vergangenen Saison brachte die Wende. Neureuther kam die etwas rundere Fahrweise, die die Modifizierung der Radien und Skilängen erforderte, zugute. Er stellte sich besser und schneller darauf ein als so manch ein Riesenslalom-Spezialist und schaffte den Sprung unter die besten 15 im Weltcup.

Aber vor dem Rennen in Adelboden schienen drei Konkurrenten unerreichbar: Der Österreicher Marcel Hirscher, Ted Ligety aus den USA und der junge Franzose Alexis Pinturault fuhren bisher in einer anderen Liga. Der Weg auf das Podest führte nur über die drei, der Sieg erst recht. Am Samstag waren Hirscher und Pinturault langsamer als Neureuther, Ligety ist ausgeschieden. Die Lücke ist wieder etwas kleiner geworden, aber trotzdem zählt der Deutsche bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi höchstens zu den Medaillenkandidaten im Riesenslalom, nicht zu den Favoriten.

Im Slalom dagegen gehört er sogar zu den Goldaspiranten, trotz seines Malheurs am Sonntag. Marcel Hirscher wirkt nicht mehr ganz so souverän wie im vergangenen Winter, aber womöglich ist auch Neureuther einfach nur souveräner geworden. „Vom Grundspeed her trennte uns auch bisher nicht viel“, sagte der WM-Zweite von Schladming. Aber im vergangenen Jahr habe Marcel ihm im zweiten Durchgang oft „diesen unbedingten Siegeswillen“ vorausgehabt. Er aber habe eher den Vorsprung verwaltet. „Mir war es wichtiger, wenigstens aufs Podium zu kommen, als anzugreifen und womöglich auszuscheiden.“ Das Resultat war die beste und konstanteste Saison seiner Karriere. „Aber jetzt wollte ich noch diesen letzten Schritt machen und mit noch mehr Risikobereitschaft fahren.“ Das ist ihm in Bormio gelungen, und auch im Riesenslalom von Adelboden steigerte er sich im zweiten Durchgang. Neureuther weiß aber: „Ich habe immer noch Reserven.“

Dabei sah es lange so aus, als ob diese Saison eine sehr schwierige für Neureuther werden würde. Bis Ende September konnte er aufgrund der Folgen eines Routineeingriffs am Sprunggelenk nicht trainieren. Er hatte sich Anfang Juni ein Überbein am Sprunggelenk entfernen lassen, aber die Wunde wollte einfach nicht verheilen. Als er zum ersten Slalom in Levi antrat, hatte er gerade einmal sechs Trainingstage in seiner Lieblingsdisziplin hinter sich. Platz zwei nach dem ersten Durchgang war deshalb eine erstaunliche Leistung. Im Finale schlug er einen Salto, fuhr weiter und holte als 27. noch ein paar Weltcuppunkte. Mitte Dezember stürzte er beim Riesenslalom-Training am heimischen Gudiberg. Er prellte sich den Rücken und zog sich einen knöchernen Kapselausriss im rechten Daumen zu. Neureuther reiste zwei Tage später trotzdem nach Val d’Isère und startete im Slalom. Er wurde Zehnter, „obwohl ich einfach nur runtergefahren bin“, sagt er. In Bormio schlug er mit dem lädierten Daumen auf, es bildete sich ein neuer Bluterguss. „Ich muss höllisch aufpassen, dass es richtig zusammenwächst.“ Aber nun geht es Schlag auf Schlag: Es kommen die Slaloms von Wengen, Kitzbühel und Schladming, danach beginnt die Vorbereitung auf die wichtigsten Rennen des Winters, die in Sotschi.

Dass er Anfang Januar zweimal gewann, weiß er, „ist für Olympia völlig wurscht“. Mit einer kleinen Einschränkung. „Klar, so ein Sieg gibt schon Selbstvertrauen.“ Wie schnell aber alles wieder vorbei sein kann, konnte Neureuther im Slalom von Adelboden feststellen.

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