Sport : Verehrte Frau Noguchi

Die Japanerin genießt seit ihrem Olympiasieg größten Respekt in ihrem Land und will am Wochenende beim Berlin-Marathon den Streckenrekord brechen

Jörg Wenig

Berlin - Innerhalb von 2:26:20 Stunden ist Mizuki Noguchi zu einer Volksheldin geworden. Im brütend heißen Athen erlief sich die Japanerin vor einem Jahr bei den Olympischen Spielen nicht nur die Goldmedaille, sondern auch den Status eines Sportstars in ihrer laufverrückten Heimat. Eigentlich hatte alles ganz anders kommen sollen, denn die Weltrekordhalterin Paula Radcliffe war die Favoritin. Während die Britin jedoch bei Kilometer 36 entkräftet aufgab und weinend auf einem Rinnstein saß, war Mizuki Noguchi nicht mehr aufzuhalten.

Jetzt wird Noguchi in Japan verehrt. Sponsorenverträge belaufen sich auf siebenstellige Summen. Antrittsgelder sind daher für sie längst zweitrangig. Das war auch ein Grund, warum es für den Renndirektor Mark Milde möglich war, die Japanerin für den Berlin-Marathon zu verpflichten. Die Herbstrennen von Chicago oder New York verfügen schließlich über weitaus größere Budgets.

Dass es eine Japanerin war, die 2004 den schweren Marathonlauf in Athen bei 35 Grad im Schatten gewann, war allerdings kein Zufall. Die Leistungsdichte der japanischen Läuferinnen ist enorm. 2004 liefen drei Athletinnen unter 2:22 Stunden, im Olympiajahr erzielte Yoko Shibui bei ihrem Sieg beim Berlin-Marathon mit 2:19:41 die einzige Zeit des Jahres unter 2:20 Stunden. Acht Läuferinnen stehen in der Liste der bisher besten Zeiten mit einem Ergebnis von unter 2:23 Stunden – kein anderes Land kann auch nur annähernd eine derartig breite Spitze von erstklassigen Läuferinnen vorweisen.

Die Motivation für die Quälerei im Training und in Athen ist für die Japanerinnen größer als ihre Konkurrentinnen aus anderen Ländern. „Ich höre immer wieder, es sei verrückt, wie wir trainierten“, sagt Mizuki Noguchi, die sich in St. Moritz auf den Berlin-Marathon vorbereitet hat. Ihre Trainingsstrecken sind bis zu 40 Kilometer lang, in einer Woche rennt sie weit mehr als 200 Kilometer. Schon vor ihrem Olympiasieg hatte Noguchi in St. Moritz trainiert. Die Form lässt sich daher gut vergleichen. Und sie ist besser als vor Athen. Schon damals war sich ihr Trainer Nouyuki Fujita sicher, dass seine Athletin das Vermögen hat, unter 2:20 Stunden zu rennen. Bei den Bedingungen in Athen war dies freilich nicht möglich. Doch in Berlin am Sonntag müsste Mizuki Noguchi in der Lage sein, ihre persönliche Bestzeit von 2:21:18 Stunden deutlich zu unterbieten. „Der japanische Rekord ist mein Ziel“, sagt Mizuki Noguchi. Vor einem Jahr hatte ihn Yoko Shibui mit 2:19:41 Stunden in Berlin aufgestellt. Die Zeit ist zugleich auch der Streckenrekord.

Noguchi sagt: „Ich bin noch dieselbe Person wie vor Athen, ich habe mich nicht verändert.“ Das ist jedoch schwer, denn der Medienrummel war schon gewaltig, als in Japan die Nominierungen für Olympia bekannt gegeben wurden. „Als der japanische Leichtathletik-Verband im März 2004 die Nominierung des Marathon-Olympiateams bekannt gab, kamen mehr als 100 Journalisten zur Pressekonferenz. Fast alle wichtigen Fernsehstationen berichteten live von der Bekanntgabe der sechs Namen, manche unterbrachen sogar ihre Nachrichtensendungen“, erzählt Brendan Reilly, ein US-amerikanischer Manager, der mit den Japanern zusammenarbeitet.

Dass Mizuki Noguchi seit jenem 22. August in Athen bei keinem Marathon mehr an den Start gegangen ist, hängt auch mit dem Trubel um ihre Person zusammen. Rund 600 Interview-Anfragen versuchte sie nach Olympia nachzukommen. Im Februar entschied Mizuki Noguchi, dass damit jetzt Schluss sein müsse. Kurz danach begann sie mit dem Training für den Berlin-Marathon.

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