Der Tagesspiegel : Staatstheater Cottbus: Wenn Madame de Pompadour die Jungfrau Maria trifft

Sandra Dassler

Seit Tagen wundern sich Uneingeweihte über große Stempel auf den Bürgersteigen. "Rührt Euch!" steht da und wer der Aufforderung und Richtung folgt, gelangt schnurstracks zum Schillerplatz, auf dem das einzige Mehrspartentheater Brandenburgs zur "7 .Zonenrand-Ermutigung", einem Theater-Festival mit Kultcharakter, einlädt. Auf dem Vorplatz musizieren junge Leute im holländischen, jüdischen, böhmischen, wendischen, russischen oder Hugenotten-Viertel - eine Erinnerung an jene Nationen, die sich in der 300-jährigen Geschichte Preußens im Land ansiedelten.

Täglich Punkt 17.30 Uhr beginnt das "Einpreußen". Nicht nur Zugereiste, sondern auch viele Cottbuser erfahren bei dieser Gelegenheit, dass hier früher ein Exerzierplatz war - bis die Stadt ein Zeichen und eben das Theater an diese Stelle setzte. Gardeoffiziere ordnen militärisch exakt das Publikum nach den zehn Spielstätten. Die sind zum Teil so ungewöhnlich, dass die meisten Zuschauer für die Führung dankbar sind: Wie sollten sie auch allein das Dekorationsmagazin, die Tischlerei oder den Heizungskeller finden?

16 Vorstellungen bestreiten die 381 Mitarbeiter des Staatstheaters pro Abend - von Lessings Lustspiel "Die Juden" bis Heiner Müllers "Kentauren". Der Zuschauer muss sich entscheiden. Wer für die erste Vorstellung beispielsweise Ferdinand Bruckners Schauspiel "Die Marquise von O." gewählt hat, erlebt im Seitenmagazin des Theaters die Geschichte einer Frau, die schon 1812 zur Vorreiterin ungewöhnlicher privater Outings wurde: Ein westfälischer Hauptmann "beschläft" eine ohnmächtige Frau. Die kann sich später ihre Schwangerschaft nicht erklären und setzt zum Schrecken ihrer Eltern und aller "anständigen" Menschen eine Annonce in die Zeitung: "Die Marquise von O. erwartet ein Kind. Sie bittet den ihr unbekannten Vater, sich zu melden ..."

Um Emanzipation des Menschen geht es dann um 20.15 Uhr in der Ballett-Oper "Preußisches Märchen". Die Geschichte des aufmüpfigen Schreibers Wilhelm Fadenkreutz wird trotz und wegen vieler parallel laufenden Szenen zum Erlebnis. Ganz hoch hinaus treibt es ab 22.15 Uhr schließlich jenes Häuflein Zuschauer, das in die Herrenrangtoilette passt. Die hat sich dank weißer Stoffe und wabernder Nebel ins himmlische Paradies verwandelt, wo Madame de Pompadour auf die Jungfrau Maria trifft. Das Stück stammt sozusagen fast vom Allerhöchsten selbst - in den Jahren 1772 / 73 verfasste der Preußenkönig Friedrich II. drei solcher respektloser Plaudereien. Nach eigenem Bekunden schrieb er die "Totengespräche" zum rein privaten Vergnügen. Wie sollte er auch ahnen, dass sie die Nachfahren seiner Untertanen Jahrhunderte später im heidnischen Brandenburg ans Licht der Öffentlichkeit zerren würden?

"Blasphemie!" schreit da völlig zu Recht die Jungfrau Maria im himmlischen Männerklo - aber es wird noch skurriler. Weil das Stück nur 15 Minuten dauert und die anderen Vorstellungen noch laufen, gibt es nur einen Weg aus dem Theater: die Verwandlung von Zuschauern in Akteure. Eine Regie-Assistentin drückt jedem ein Papierhandtuch in die Hand. "Das ist Ihr Wink-Element" erklärt sie fröhlich: "Wir überbringen jetzt als französische Delegation dem letzten Alleinherrscher auf preußischem Boden, Erich Honecker, unsere brüderlichen Grüße." Es folgt ein kleiner Französisch-Sprachkurs, fünf Minuten später schreitet die Delegation "Liberté! Egalité! Fraternité!" skandierend mitten durch das Stück "Teurer Genosse!"

"Nachdenklich, aber nicht nostalgisch", urteilt Inis Gehrmann von einer Cottbuser Malerfirma: "Kritisch, aber auch lustig. Wieso war ich eigentlich zehn Jahre nicht mehr im Theater?" In der Tischlerei singt derweil Sigrun Fischer wunderbar distanziert Soldatenlieder aus drei Jahrhunderten. Und über Lautsprecher wird verkündet: "Das Auspreußen hat begonnen. Also rührt Euch!"

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