Stasi-Gefängnis : Immer mehr Besucher - nur nicht aus dem Osten

Rekord im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen: 208.000 Menschen besuchten die Gedenkstätte 2007. Den Leiter beunruhigt allerdings, dass immer weniger Ostdeutsche kommen. Er erklärt das mit einem Unwillen, die Schattenseiten der DDR zur Kenntnis zu nehmen.

Rita Nikolow
Stasi-Gefängnis
Bei einer Führung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. -Foto: Thilo Rückeis

Berlin - Klaus Hoffmann macht Geschichte lebendig. Hoffmann war 22 Jahre alt, als er nach einem gescheiterten Fluchtversuch vier Monate im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen eingesperrt wurde. Heute führt Hoffmann Besuchergruppen durch die seit 1990 stillgelegte Haftanstalt. 30 Besucher hören dem ehemaligen Häftling an diesem Sonnabendvormittag gebannt zu, wie er vom Leben in der Zelle erzählt, den Folterinstrumenten und den geheimen Klopfzeichen, mit denen sich Häftlinge untereinander verständigten. „Viele meiner damaligen Zellengenossen arbeiten noch heute ihre Traumata auf“, erzählt er.

Viele Besucher möchten Geschichte so hautnah erleben. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Gedenkstätte einen Besucherrekord: Mehr als 208 000 Menschen kamen 2007 nach Hohenschönhausen, 35 000 mehr als im Jahr zuvor. „Das Konzept geht den Menschen unter die Haut“, sagt der Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe. So erzählten viele Besucher, dass sie die Intensität der Gedenkstätte sehr nachhaltig beschäftigt habe: „Viele Besucher begreifen erst an diesem Ort, was es bedeutete, in einer kommunistischen Diktatur zu leben.“

Seit Knabes Amtsantritt haben mehr als eine Million Menschen die Gedenkstätte besucht. Gestiegen ist das Interesse an der Gedenkstätte vor allem in den alten Bundesländern. „Das hat uns selbst überrascht“, sagt Knabe. Sorge bereite ihm hingegen, dass der Anteil der Besuchergruppen aus den neuen Bundesländern weiter gesunken ist, im vergangenen Jahr von neun auf acht Prozent. Leicht zurückgegangen ist auch die Zahl der angemeldeten Besuchergruppen aus Berlin: von zwölf auf elf Prozent. Bei dieser Statistik wird aber nicht nach Ost- oder West-Berlin unterschieden.

„Viele Ostdeutsche wollen nicht mehr so recht an die dunklen Zeiten erinnert werden“, erklärt sich Knabe diesen Rückgang. Es sei jedoch die Aufgabe der jungen Generation zu fragen, wie das damals war: „Zwischen den Generationen ist ein kritischer Dialog nötig“, betont Knabe. Auch , um zu verhindern, dass Eltern die DDR gegenüber ihren Kindern verherrlichten und die Schattenseiten verdrängt würden.

Dass auch die Zahl der ostdeutschen Schulklassen abgenommen hat, hält Knabe für nicht akzeptabel. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Schüler keine Gelegenheit bekommen, sich ein Bild von dieser Zeit zu machen“. Die junge Generation wisse zu wenig über die DDR. Im Jahr 2006 seien 15 000 Schüler aus Bayern in die Gedenkstätte gekommen – aus Sachsen-Anhalt kamen in diesem Jahr lediglich 250 Schüler. Von den etwa dreihundert weiterführenden Schulen in Berlin hätten im vergangenen Jahr rund ein Drittel wenigstens einmal eine Schulklasse in die Gedenkstätte geschickt. Erhöhen könnte die Klassenzahlen eine Initiative des Bundesrates: Diese bezuschusst Klassenfahrten nach Berlin, wenn dabei auch ein Besuch der Gedenkstätte auf dem Programm steht.

Darüberhinaus plant Knabe auch, mit sogenannten rollenden Gefängnissen und Zeitzeugen in die Schulen zu kommen. Bislang hat die Gedenkstätte jedoch bereits Mühe, mit ihrem unveränderten Personalstamm den Besucheranstieg zu bewältigen. Und dass, obwohl sich die jährliche Besucherzahl seit dem Jahr 2000 mehr als vervierfacht hat.

Ein besseres Angebot möchte Knabe auch den vielen ausländischen Besuchern machen, denn die Informationstafeln sind zwar in deutscher und englischer Sprache beschriftet, Führungen in englischer Sprache sind bislang jedoch nur für angemeldete Gruppen möglich. Knabe plant aus diesem Grund die Entwicklung eines Audioguides , der ausländische Besucher durch die Gedenkstätte lenken könnte.

Klaus Hoffmann hat mittlerweile eine Besucherin in eine Verhör-Zelle gesteckt. „Ich habe gemerkt, wie gefangen man sich in so einem engen Raum fühlt“, erzählt Petra Löffelhard aus Heidelberg, die auf Besuch in Berlin ist. Auch Brigitte Bröscher aus Bremerhaven ist beeindruckt von der Gedenkstätte – und vom Zeitzeugen Klaus Hoffmann. Der steht im dicken Ledermantel und mit breitkrempigem Hut im Innenhof des Gefängnisses und deutet auf einen kleinen, grauen Lieferwagen, der den Schriftzug „Obst und Gemüse“ trägt. „Fünf Häftlinge wurden mit diesem Wagen in Dunkelzellen in das Gefängnis eingeliefert“, erzählt Hoffmann.

Es sind verstörende Geschichten, die der Zeitzeuge im Laufe der neunzigminütigen Führung erzählt hat. Sie bleiben in Erinnerung. In Erinnerung bleibt aber auch, mit welchem Mut die Zeitzeugen nach der Haft zurück ins Leben gefunden haben: Hoffmanns zweiter Fluchtversuch aus der DDR gelang.

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