Stelen für Mauertote : Das Opfer, das ein Spitzel war

Am Montag übergab Matthias Platzeck die erste Erinnerungsstele für Maueropfer in Teltow der Öffentlichkeit. In Potsdam gibt es Ärger um die Stelen. Erst wurde mit Ämtern gerangelt, nun mit Anwohnern in Sacrow um einen versehentlich Erschossenen.

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Auf den Stelen in Teltow sind die Biographien zweier Maueropfer nachzulesen.
Auf den Stelen in Teltow sind die Biographien zweier Maueropfer nachzulesen.Foto: dpa

Potsdam – Für die Stiftung Berliner Mauer ist es ein Kraftakt, im Umland entlang des einstigen Todesstreifens um den Westteil der Stadt an Maueropfer zu erinnern. Die ersten von 29 Stelen für 50 Menschen, die hier ihr Leben verloren, wurden an diesem Montag durch Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) in Teltow der Öffentlichkeit übergeben. Die Fälle der beiden Maueropfer Peter Mädler und Karl-Heinz Kube, deren Biografie und Fluchtgeschichte künftig auf zwei Tafeln am Ufer des Teltowkanals nachzulesen sind, stünden stellvertretend für all jene, die bei Fluchtversuchen ums Leben gekommen seien, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Montag.

Doch vor allem in Potsdam gab es Probleme wegen der dort geplanten sieben Stelen, teilweise dauern sie an. „Nirgendwo waren die Schwierigkeiten so groß wie hier. Aber am Ende haben sich doch alle sehr ins Zeug gelegt“, sagt Maria Nooke, Projektleiterin und Vize-Direktorin der Stiftung. „Ich bin erleichtert, dass die Standorte endlich geklärt, die Genehmigungen erteilt sind.“ Zuvor hatte es ein monatelanges Abstimmungsgerangel mit Rathausämtern und der Schlösserstiftung gegeben, in das sich sogar die Staatskanzlei einschalten musste. Erst dann lief es, wenngleich die Stadt jetzt nachträglich auf objektive Schwierigkeiten verweist.

Doch prompt droht im Ortsteil Sacrow ein neuer Konflikt. Wegen einer Stele, die an den 1975 getöteten Lothar Hennig erinnern soll, wird Kritik von Anwohnern laut. Der 21-jährige Sacrower wollte nicht in den Westen, als er in der Nacht zum 5. November von Grenzsoldaten für einen flüchtigen russischen Soldaten gehalten und vor dem „Dorfkonsum“ erschossen wurde. Hennig war aber IM der Staatssicherheit und kam gerade von einem Treffen mit seinem Führungsoffizier. Und der Todesschütze war ebenfalls IM. Dass auch in diesem Fall genau wie sonst nahe des Todesortes die orangefarbene Betonstele, mit 3,60 Metern so hoch wie die Mauer, und daneben eine kleinere Säule mit einem Bild des Opfers, Biografie und Angaben zu den Todesumständen aufgestellt werden sollen, geht manchen zu weit. „Jeder Bewohner, jeder Besucher defiliert an einem Stasi-IM vorbei“, sagt ein Anrainer. Das sei die „Grundmeinung auch in der Nachbarschaft“. Wenn man die Stele wolle, dann „etwas abgelegen“.

Das aber widerspricht den Grundsätzen des Projekts der Stiftung. Die nimmt die Debatte so ernst, dass sie die Aufstellung der Säule zurückstellt, wie Direktor Axel Klausmeier bestätigt: „Wir suchen das Gespräch.“ Man wolle nichts überstürzen und um Verständnis werben für den Ansatz, an alle Maueropfer zu erinnern: an die, die bei ihrer Flucht aus dem SED-Regime ihr Leben verloren, an getötete Grenzsoldaten und an die, die durch tragische Umstände im Zusammenhang mit dem Grenzregime umkamen. Dass zur offiziellen Gedenkveranstaltung Brandenburg zum Jahrestag des Mauerbaus am 12. August in der Heilandskirche nur eine der beiden Stelen in Sacrow stehe, nehme man in Kauf: „Die Akzeptanz ist wichtiger.“ Und Maria Nooke sagt: „Wir nehmen keine moralische Bewertung der Opfer vor, wir teilen sie nicht in gute und böse.“ Schließlich zeige auch dieser Tod: „Es wurde auf jeden geschossen, der in Verdacht geriet, selbst wenn es eigene Leute traf. Auch das zeigt, wie menschenverachtend die Mauer war.“ Zudem sei der Fall vielschichtig und widersprüchlich. Da sei der junge Mann, der als lebenslustig und eher unangepasst galt, in Diskotheken vor allem Westmusik auflegte. Warum er sich einige Monate vorher mit der Stasi einließ, sei ungeklärt. Nach den Akten habe er sich regelmäßig mit dem Führungsoffizier getroffen, aber etwa die Begegnung mit einem Flüchtling im Sperrgebiet nicht gemeldet, gegen alle Vorschriften. „Er war nicht das Stasi-Schwein“, sagt Nooke. Und das Projekt solle Anstöße geben, sich mit Schicksalen auseinanderzusetzen. Es seien keine Gedenkstelen, „sondern Erinnerungszeichen“, betont Stiftungschef Klausmeier. „Es sind vertikale Stolpersteine.“ Thorsten Metzner

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