Der Tagesspiegel : Störanfälliges Netz

Berlin ist ein Prestige-Standort der Bahn. Doch immer wieder stockt der Nahverkehr – auch gestern

Jörn Hasselmann

Ein Stellwerksausfall legt 15 Stunden lang die S-Bahn und über vier Stunden den Fernverkehr lahm – und die Bahn kann nicht genau sagen, wieso die Reparatur so lange gedauert hat. Wie berichtet, war am Donnerstagnachmittag gegen 15.45 Uhr – mitten im Berufsverkehr – nach einem Kabelbrand das Stellwerk am Biesdorfer Kreuz ausgefallen. Betroffen waren sämtliche S-Bahnen, Regional- und Fernzüge, die über Lichtenberg fuhren. Sieben S-Bahn-Züge mussten auf freier Strecke halten. Etwa 2000 Fahrgäste wurden von 70 Beamten der Bundespolizei nach und nach aus den Zügen befreit und über die Gleise zum nächsten Bahnhof geführt.

Nach Angaben von Bundespolizei-Sprecher Jörg Kunzendorf konnten die letzten Passagiere erst um 18.10 Uhr befreit werden, sie mussten also fast zweieinhalb Stunden in dem Zug ausharren – ohne Toilette und ohne Heizung. Besser hatten es die Fahrgäste in zwei Regional-Express-Zügen, die es beide noch in den Bahnhof Hohenschönhausen geschafft hatten. Nachdem klar war, dass es nicht mehr weitergeht, mussten die Reisenden aussteigen und per Straßenbahn weiterfahren. Während Fern- und Regionalverkehr gegen 20 Uhr wieder in Betrieb genommen werden konnten, fuhr die S-Bahn erst am Freitag um 7 Uhr wieder.

Der Totalausfall erinnert an die Super-Panne zur Wiedereröffnung der Stadtbahn im Mai 1998. Damals hatte es durch Computerprobleme Verspätungen von sechs Stunden gegeben – während der Bahnvorstand die mehrere hundert Millionen Euro teure Sanierung am Ostbahnhof feiern wollte. Zunächst hatten damals die Verantwortlichen nur von kleinen Pannen gesprochen, letztlich hatte es eine Woche gedauert, bis der Verkehr reibungslos lief.

Und die nächste große Bewährungsprobe steht der Bahn in drei Monaten bevor: Am 28. Mai sollen nicht nur drei neue Fernbahnhöfe, sondern auch mit dem Nord-Süd-Tunnel eines der kompliziertesten Bauwerke überhaupt in Betrieb genommen werden. Ein Bahnsprecher versuchte gestern, Befürchtungen zu zerstreuen: „Wir haben in Berlin eine ganz andere Technik als da draußen in Biesdorf.“

Tatsächlich ist in Biesdorf ein so genanntes Gleisbild-Stellwerk ausgefallen. Neben dem Stellwerk seien zwei Umformer (Transformatoren) in Brand geraten. Der für die S-Bahn zuständige Umformer sei völlig zerstört worden, der für die Fernbahn nur zum Teil. Deshalb konnte die Fern- und Regionalbahn immerhin schon ab 20 Uhr wieder fahren. Wieso die beiden Umformer nicht schneller überbrückt oder ersetzt werden konnten, blieb unklar. „Die Techniker untersuchen das noch“, sagte ein Bahnsprecher. Klar ist nur, dass es auch keine Notstromversorgung gab, die sonst bei Stromausfall automatisch anspringen soll.

Mehrere Betroffene beschwerten sich gestern, dass inmitten des Chaos Polizisten mit Helm und Schlagstock bewaffnet waren. Ein Polizeisprecher betonte, dass dies wegen zwei Demonstrationen der linken und rechten Szene geschehen sei. Man habe nicht befürchtet, dass verärgerte Fahrgäste randalieren.

Gestern Nachmittag gab es dann im Nord-Süd-Tunnel die nächste Signalstörung. Von 13 Uhr bis 14.30 Uhr waren die Linien S2 und S26 zwischen Nordbahnhof und Potsdamer Platz unterbrochen, Fahrgäste wurden auf die Linie S1 verwiesen. Bekanntlich saniert die S-Bahn seit eineinhalb Jahren die Stellwerks- und Signaltechnik im Nord-Süd-Tunnel. Auch diese Arbeiten sollen beim großen Fahrplanwechsel am 28. Mai beendet sein und völlig neue Technik eingeschaltet werden.

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