Der Tagesspiegel : Straßenblockaden: Baumstämme gegen Berlin

Claus-Dieter Steyer

Hohe Kiesberge auf der Fahrbahn, dazu quer gelegte Baumstämme und Stacheldraht als Absperrung: Die Landesgrenze zwischen Berlin und Brandenburg gleicht zwischen dem Ortsteil Wartenberg und der Gemeinde Lindenberg im Nordosten längst vergessenen Mauerzeiten. Doch hier wird kein Film gedreht, hier befindet sich ein kleines Dorf im Aufstand.

Leidtragende sind vor allem die mindestens rund 9000 Autofahrer, die die nun gesperrte Straße täglich als kurze Verbindung zwischen der Autobahn und dem Berliner Bezirk Lichtenberg-Hohenschönhausen nutzten. Jetzt bleibt nur ein rund sechs Kilometer langer Umweg über die ohnehin überlastete Bundesstraße 2.

Doch mit ihrer spontanen Reaktion hat sich das gerade 2200 Einwohner zählende Lindenberg selbst abgeschnitten. Denn auch die Berliner Nachbarn ließen Sperrschilder aufstellen - 500 Meter weiter östlich an drei kleinen Straßen auf ihrem Gebiet. Sie waren von den verdutzten Autofahrern als Ausweichstrecke von und nach Wartenberg entdeckt worden. Nur noch Anlieger dürfen jetzt passieren. Während die Brandenburger auf die Wirkung ihrer Kiesberge und ihres Stacheldrahtes vertrauen, überwachen auf Berliner Seite Polizisten die neue Regelung.

Der ADAC Berlin-Brandenburg sprach sich gestern gegen die gegenseitigen Straßensperrungen aus. Wenn zunächst das für Lindenberg zuständige Amt Ahrensfelde/Blumberg den stark frequentierten nach Berlin führenden Wartenberger Straße mit Kiesbergen als Sackgasse markiere und als Berliner Antwort der Birkholzer Weg dichtgemacht wurde, könne das weder von den Anwohnern noch von den auswärtigen Autofahrern hingenommen werden.

Empörte Anwohner in Lindenberg berichteten gestern über ein recht eigenartiges Vorgehen an der Berliner Sperre: Autos mit Berliner Kennzeichen hätten in beiden Richtungen passieren können, jene mit Brandenburger aber umdrehen müssen. Ein daraufhin angesprochener Polizist reagierte ausweichend. "Ich persönlich mache bei den Kontrollen keine Unterschiede, auch Brandenburger können schließlich in den gesperrten Straßen ein Anliegen haben." Diese Auffassung ist letztlich nicht überraschend: Der Polizist wohnt in der Gegend.

Der für Lindenberg verantwortliche Amtsdirektor Bernhard Wollmann sieht in der Straßensperrung in Lindenberg keinen Willkürakt. "Angesichts des schlechten Zustandes der Fahrbahn konnten wir keine Verantwortung mehr übernehmen", sagt Wollmann. Für eine Instandsetzung fehle das Geld und außerdem müssten sich die Anwohner daran beteiligen. "Die werden sich hüten, sich den wachsenden Verkehr vor die Haustür zu holen." Es fehle ganz einfach ein Verkehrskonzept für den Nordosten Berlins und seines Umlandes. "Da kann sich der Brandenburger Verkehrsminister eben nicht nur auf seine Oder-Lausitz-Trasse konzentrieren, sondern auch an Umgehungsstraßen an der Stadtgrenze denken", meint der Amtsdirektor. Das neue Wohngebiet Karow brauche zur Entlastung der Bundesstraße 2 beispielsweise einen eigenen Autobahnanschluss. Der öffentliche Nahverkehr sei völlig unzureichend. Es sei doch ein Skandal, dass Lindenberg in jedem Jahr 10 000 Mark an die BVG zahlen müsse, damit der Bus an bestimmten Tageszeiten überhaupt durch den Dorfkern fahre.

Auch Bürgermeister Wilfried Gehrke will nicht als "böser Bube" gelten. "Wir sind mit unseren Sorgen sowohl vom Landkreis als auch vom Landesministerium völlig allein gelassen worden", sagt er. Erst vor drei Jahren sei die Straße repariert worden. Aber so einen starken Verkehr halte sie nicht aus.

Die Begründung des Bezirksamtes Lichtenberg-Hohenschönhausen für die Sperrung der drei Ausweichstraßen auf Berliner Gebiet deckt sich fast mit den Brandenburger Argumenten: Die schmalen Straßen seien für einen starken Durchgangsverkehr nicht geeignet, es fehlten Fußwege, die Sicherheit der Anwohner könne nicht gewährleistet werden. Am kommenden Freitag wollen sich Amtsdirektor und Bezirksbürgermeister treffen. Kürzere Wege sind dennoch nicht in Sicht: Lindenberg plant keine Instandsetzung der gesperrten Straße.

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