Boxen : 14 Monate in der Hölle überlebt

CLAUS-DIETER STEYER[FÜRSTENBERG]

Die Niederländerin Olga Edelheid erzählt von Erfahrungen als Kind im KZ Ravensbrück VON CLAUS-DIETER STEYER, FÜRSTENBERG

Am See hält Olga Edelheid kurz inne."Das ist aber schön hier", sagt die weitgereiste Frau, als sie blinzelnd gegen die tiefstehende Sonne ans andere Ufer blickt.Über dem Eis erhebt sich die Silhouette von Fürstenberg.Bei ihrem letzten Aufenthalt an diesem Ort hatte Olga Edelheid weder See noch Stadt gesehen.14 Monate lebte sie hier, doch angekommen war sie mitten in der Nacht, und Sichtblenden verhinderten den Blick auf den See.KZ-Häftlinge in Ravensbrück sollten nichts sehen und nicht gesehen werden. Olga Edelheid, damals trug sie noch ihren Mädchennamen Hirsch, zählte im Februar 1944 gerade 13 Jahre.14 Monate ertrug sie die Qualen im Konzentrationslager.Sie sah das Hungern, das Töten, die Qualen und das Sterben.Zum Gedenktag an die NS-Opfer ist sie erstmals seit der Befreiung des Lagers im April 1945 wieder nach Ravensbrück in Fürstenberg zurückgekehrt. Sie hatte sich von ihrer Heimatstadt Den Haag aufgemacht, weil diesmal einer besonderen und bisher weitgehend unbeachteten Gruppe unter den Häftlingen gedacht werden sollte - der Kinder im KZ.Eigentlich hatte sie Ravensbrück nie wieder betreten wollen, doch die Einladung der Gedenkstättenleitung und deren Bitte, etwas von den Kindheitserinnerungen zu erzählen, überzeugten sie schließlich."Ich hatte nicht recht daran geglaubt, daß sich noch jemand für diese Zeit in Deutschland interessiert." Vielleicht freut sie sich deshalb so sehr über den Blumenstrauß, den ihr Schülerinnen der Fürstenberger Gesamtschule überreichen."Damals wollte man uns hier vernichten.Und heute schenkt man uns am gleichen Ort Blumen", erzählt sie beim Spaziergang an den See.1942 gehörte sie zu einer Gruppe von 60 Juden, die im Holland verhaftet wurden.Nach mehreren Lagern ging es 1944 zusammen mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Geschwistern auf Transport nach Ravensbrück.Der Vater wurde nach Buchenwald depotiert.Vor allem die stundenlangen Appelle und die SS-Aufseherinnen mit ihren Peitschen sie ihr in Erinnerung geblieben."Wir größeren Kinder haben uns immer hinter den Frauen versteckt, damit wir nicht zum Arbeitsdienst bestimmt wurden.Denn Arbeit bedeutete Schinderei bis zum Umfallen", sagt sie.Versteckt werden mußte oft auch der Bruder, damit er nicht ins Männerlager von Ravensbrück gesteckt wurde.In einer Baracke teilten sich acht Personen drei Holzpritschen. Nach bisherigen Recherchen der Gedenkstätte Ravensbrück sind zwischen 1938/39 und 1945 genau 881 Kinder im Alter bis 16 Jahren im KZ selbst und im angegliederten Jugendlager Uckermark gewesen.Darunter waren 264 Juden und 162 Sinti und Roma.1942 wurde eine notdürftige Entbindungsstation eingerichtet.Hier kamen 566 Kinder zur Welt.Davon sind 314 gestorben oder getötet worden.Die Dunkelziffer, so schätzt Gedenkstättenleiterin Sigrid Jacobeit, könnte allerdings höher liegen.Alle Frauen, die Kinder gebaren, waren schon vor ihrer Einlieferung ins Lager schwanger. "Der Schmerz der Mütter über den Verlust der eigenen Kinder erklärt wohl das meist schlechte Verhältnis der Frauen zu uns Kindern im Lager", meint Frau Edelheid."Jedenfalls habe ich in Erinnerung, daß viele uns aus dem Wege gingen." Andere Erinnerungen sprechen allerding von einer großen Hilfe für Mütter mit Kleinkindern."Meine Mutter erzählte mir, daß mich Frauen vieler Nationen gestillt haben", hieß es beispielsweise in einem Brief einer 1944 im Lager geborenen Frau.Ihre Mutter war nach der Niederschlagung ds Warschauer Aufstandes deportiert worden. Olga Edelheid blieb nach der Befreiung im April 1945 viele Jahre in Schweden.Sie hatte sich in Ravensbrück eine schwere Lungenentzündung zugezogen.Sie heiratete und schenkte selbst zwei Kindern das Leben.Der Sohn lebt in Israel, die Tochter in Irland.Im nächsten Jahr will sie wieder nach Ravensbrück kommen.Dann soll ein großes Treffen der von überlebenden Kindern des KZ stattfinden.

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