Boxen : Bis zum Neubau der Synagoge ist es noch weit

WERNER VAN BEBBER

Gotteshaus soll in Potsdam wiedererrichtet werden / Kaum einer traut sich, Probleme anzupackenVON WERNER VAN BEBBER POTSDAM.Der Rechtsanwalt Hans-Peter Warnecke arbeitet in einer zwiespältigen Situation: Seine Anwaltskanzlei liegt in einem Mietshaus am Platz der Einheit 1, mitten in Potsdam.An diesem Ort aber stand bis in die fünfziger Jahre die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Potsdam.Für deren Wiederaufbau setzt sich Warnecke mit seinem Verein "Agaphi" ein.Agaphi bedeutet Arbeitsgemeinschaft für den Aufbau der Potsdamer historischen Innenstadt, und die Synagoge der Potsdamer Juden gehörte über viele Jahrzehnte zu den bedeutenden Gebäuden der Innenstadt.Genau genommen, arbeitet Warnecke also als Agaphi-Vorsitzender am Abbruch des Hauses, in dem er sein Geld verdient.So hart würde es der Anwalt - ein vorsichtiger Mann - nie ausdrücken.Die Frage des Synagogenbaus in Potsdam ist heikel; das deutet jeder an, mit dem man spricht.Der PDS-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg sagt, daß es schwierig sei, die Pläne zum Wiederaufbau der Synagoge "sachlich zu vermitteln".Gerhard Zobel, der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsbaugenossenschaft "Karl Marx", beschreibt seine Lage als "diffizil" und will eigentlich überhaupt nichts sagen.Warnecke sagt, das Ganze sei eine "vielschichtige Problematik".Immerhin forderten Warnecke und der Verein Agaphi die Wiedererrichtung der Synagoge schon 1990.Die Stadtverordneten haben dies erst acht Jahre später, im Januar 1998, beschlossen.Mit großer Mehrheit erklärten sie, das jüdische Gebetshaus solle am Platz der Einheit - dem früheren Wilhelmplatz - wiederaufgebaut werden, und zwar zur Bundesgartenschau im Jahr 2001.Derzeit wird der Platz für die Buga zurechtgemacht: Als Reminiszenz an preußische Zeiten entstehen zwei Wege neu.Sie ordnen eine weite Fläche, die bislang von einer Straßenbahnhaltestelle und dem Antifaschisten-Mahnmal dominiert wird.So rasch wird es mit der Synagoge nicht gehen.Noch weiß niemand so genau, was für ein Gebäude am historischen Ort wiedererrichtet werden soll.150 Mitglieder, fast alle aus der früheren Sowjetunion ausgewandert, habe die jüdische Gemeinde in Potsdam heute, sagt deren Geschäftsführerin Irina Knochenhauer.Das klassizistische Gebäude von 1903 mit der Fassade aus dunkelrotem Stein an einer der besten Adressen Potsdams bot über 300 Personen Platz.Nebenan stand das Kantorhaus, in dem sich auch Versammlungsräume befanden.Beide Gebäude machten die Bedeutung der jüdischen Gemeinde deutlich.Die Machtergreifung der Nazis traf die Gemeinde "hart und unvorbereitet", wie Klaus Arlt im "Wegweiser durch das jüdische Brandenburg" geschrieben hat.Die Schikanen begannen.Das Ende kam 1938.In der Progromnacht vom 9.auf den 10.November 1938 stand die Synagoge in Flammen.Ein halbes Jahr später wurden die Gemeindevorsitzenden gezwungen, das Gebäude zu verkaufen: Die Urkunde mit dem Hakenkreuz verzeichnet die Uhrzeit 10 Uhr 10 als "Verhandlungsbeginn".Um 10 Uhr 25 wurde die Sitzung geschlossen - die Gemeinde hatte nicht zu verhandeln, nur zu unterschreiben.Auf eine Restitution des Grundstücks kann die Gemeinde heute nicht mehr hoffen; das Grundstück am Wilhelmplatz ist zu DDR-Zeiten mit einem Mehrfamilien-Wohnhaus bebaut worden.So hat das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen vor kurzem entschieden.Erledigt hat sich aber auch ein Alternativ-Plan der Stadtverordneten.Jahrelang hatten die Stadt und die jüdische Gemeinde über ein Grundstück am Neuendorfer Anger Babelsberg verhandelt.Zu einem Ergebnis war man nicht gelangt, wie Irina Knochenhauer sagt: Mit dem Grundstück, das zuvor von der Evangelischen Kirche genutzt worden war, gab es finanzielle und religiöse Probleme.So versammmelte sich die Gemeinde öfter mal auf dem Gelände des Polizeipräsidiums, wo es ein Gebäude mit größeren Räumen gibt - "sicher wie in Abrahams Schoß", wie ein Mitarbeiter der Gemeinde sagt.Die Idee mit dem Neubau am alten, angestammten Ort kam Irina Knochenhauer bei einer Diskussion zur Neugestaltung des Wilhelmplatzes.Für sie liegt ein Vorteil des Projekts darin, daß es viel weniger kosten würde als das, was am Neuendorfer Anger geplant war.Fünf bis sechs Millionen veranschlagt die Geschäftsführerin, allerdings ohne den Kauf des Grundstücks von der Wohnungsbaugenossenschaft.Die Sache mit dem Grundstück macht das Vorhaben heikel.Gerhard Zobel, der Vorstandschef, sagt, man stehe "nicht quer zum Strom", wolle aber auch "keinen Unmut" hervorrufen, unter seinen Mietern beispielsweise.PDS-Fraktionschef Scharfenberg will - wie wohl fast alle Stadtverordneten -, daß der Wiederaufbau der Synagoge "intergrierend" wirkt.Wenn man nun über "sachliche Einschränkungen" sprechen müsse, zum Beispiel das Problem mit dem Grundstück und dem Wohnhaus, dann bekomme das Vorhaben gleich einen "Beigeschmack, den man gar nicht will".Ähnlich sieht es Rechtsanwalt Warnecke, der nach der antifaschistischen, aber nicht gerade judenfreundlichen DDR-Zeit heute dafür sorgt, daß antisemitische Schmierereien schnell verschwinden.Warnecke: "So sind eben die Verhältnisse".Andererseits haben die Potsdamer auf den Beschluß ihrer Stadtverordneten durchaus nicht negativ reagiert.Nur ein einziger protestantischer Pfarrer schrieb einen in seiner Wortwahl mißverständlichen Brief, in dem er die Interessen der vier Mietparteien im Haus Wilhelmplatz 1 gegen die Interessen der 150 eingewanderten Juden aufrechnete.Davon abgesehen aber bekam Stadtpräsidentin Birgit Müller weder böse Briefe noch böse Anrufe, nachdem das Stadtparlament ihren Wiederaufbau-Beschluß gefaßt hatte.Das Land unterstütze schon lange den Plan der Rückkehr an den Wilhelmplatz, sagt der Sprecher des Kulturministeriums, Martin Gorholt.Wenn erst das Grundstücksproblem gelöst sei, könne man an die Finanzierung des Neubaus gehen; ein Drittel der Baukosten werde man übernehmen.Ein weiteres Drittel könnte die Stadt finanzieren.Das dritte Drittel müßte die Gemeinde aufbringen.Irina Knochenhauer kann sich daran erinnern, daß Ministerpräsident Manfred Stolpe schon großzügigere Landesbeteiligungen angeboten hat, und in anderen Teilen der Republik gehen Landesregierungen durchaus über die Drittel-Regelung hinaus.So hat zum Beispiel Hessen über die Hälfte der Kosten für den Neubau der Synagoge in Offenbach übernommen.Doch alle Überlegungen zu den Baukosten hält Irina Knochenhauer ohnehin für verfrüht.Zunächst sei mit der Genossenschaft über das Haus am Wilhelmplatz zu verhandeln.Der jüdischen Gemeinde wäre schon geholfen, wenn sie für größere Versammlungen eigene Räume hätte.Daß zur Buga 2001 am Wilhelmplatz wieder eine Synagoge steht, hält Irina Knochenhauer für unmöglich.Wenn man dies bis 2005 schaffe, "dann sind wir echt gut", sagt sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar