Boxen : Chipfabrik "Communicant": "Ich will diesen Chemiebunker hier auf dem Acker nicht!"

Stefan Jacobs

"Wer von denen hat denn geklagt?", fragt der Bauarbeiter und schaut in die halbfertige Eigenheimsiedlung, als könnte er zwischen den Häusern die Antwort finden. Er lädt gerade den Bagger auf, mit dem er bis eben an der Straße für die künftige Chipfabrik, jenseits der alten Allee, gebaut hat. "Meine Frau hat sich auch schon um Arbeit dort beworben. Und für die Bauwirtschaft wäre die Fabrik auch wichtig. Hat ja nicht jeder so einen sicheren Arbeitsplatz wie ein Richter!"

Keinen Steinwurf entfernt steht er: Christoph Marquardt, 35, Amtsrichter. Interessenvertreter von ein paar Anwohnern, Buhmann für den Rest der Welt. Sein Handy klingelt. Michael Marquardt ist dran, der Bruder und zugleich Anwalt des Richters. Die Brüder freuen sich, dass sie der BILD-Zeitung die Idee mit der Schlagzeile noch austreiben konnten. "Der Job-Killer!", sollte nämlich am Freitag über Christoph Marquardts Foto auf dem Titel prangen. Und darunter: "Herr Richter, haben Sie noch alle Tassen im Schrank?" Am Freitag stand kein Wort über ihn in dem Blatt, aber das kann noch kommen. Im April soll der Grundstein für die drei Milliarden-Investition gelegt werden. 2003 soll die Produktion starten. In und im Umfeld der Fabrik sollen 3000 Menschen arbeiten. Anfang Februar hatten das Arabische Emirat Dubai, der amerikanische Computerchip-Hersteller Intel und das Land Brandenburg mit seinem Institut für Halbleiterphysik (IHP) den Bau der Chipfabrik "Communicant" vertraglich vereinbart.

Marquardt klappt die Autotür zu und tapst durch den Schlamm ins Haus. Im Esszimmer gluckert ein Aquarium. Ansonsten ist es völlig still. "Das Gebiet hier ist schon vorbelastet durch die 700 Meter entfernte Autobahn", sagt Marquardt. Auch die Hochspannungsleitung, deren Entfernung er auf den Meter genau weiß, mache ihm Sorgen. Man sieht wenig von dem Acker mit der geplanten Fabrik, weil die Häuser hier in der Gartenstadt dicht an dicht stehen. Fast alle hier sind hoch verschuldet. 150 Mark kostet der Quadratmeter Bauland. "Die Straße da hinten ist ein Schwarzbau", zeigt Marquardt zwischen Nachbarhäusern und Sandhaufen hindurch in die Richtung, wo bis eben der Bagger gewühlt hat. Genau genommen klagt der Richter nämlich bisher nur gegen die Zufahrt und nicht gegen die Fabrik. Von der ist noch gar nichts zu sehen, und vor Baubeginn kann man keinen Baustopp beantragen. Außerdem ist die Klage gegen die Straße eine schöne Vorübung: Nur 16 Seiten habe er dazu ans Verwaltungsgericht geschickt, sagt Marquardt. Wenn nach der Straße die Baugrube ausgehoben wird, will er nachlegen.

Vier Aktenordner stehen schon bereit. Sie enthalten beispielsweise eine 80-seitige Studie zur Umweltverträglichkeit des Milliardenprojektes. Diese empfiehlt unter ökologischen Gesichtspunkten einen anderen Standort für die Fabrik, nämlich südlich der Stadt - an der Bundesstraße 87. Dass die alternativen Standorte in anderen Belangen - etwa beim Lärmpegel für die Nachbarn - schlechter abschneiden, sagt Marquardt nicht.

Deshalb findet der Frankfurter Bürgermeister Detlef-Heino Ewert, dass der vermeintlich besser geeignete Standort "schlichtweg eine Erfindung des Herrn Marquardt" sei. "Dass er gern einen anderen Standort hätte, hat er mir auch schon gesagt." Die schon vor Monaten angekündigte Klage von Marquardt ficht den Bürgermeister nicht an: "Woanders würde jemand anderes klagen." Im Übrigen glaube er nicht, dass ein Anwohner beurteilen könne, welcher Standort für eine Chipfabrik optimal sei. Und die Stadt habe das Projekt fachlich korrekt geplant.

Marquardt wiederum könnte stundenlang über die Planungsfehler der Stadt und deren mögliche juristische Folgen reden. "Ich bin nicht hinterlistig", sagt er, bevor er plötzlich laut wird: "Aber was soll ich denn machen? Ich will diesen Chemiebunker hier auf dem Acker nicht!" Es täte ihm ja auch leid, falls die Investition mit weit mehr als tausend Arbeitsplätzen an ihm scheitern sollte. Aber er könne ja selbst leider keinen Ersatz schaffen, sondern sich nur wahlweise gegen das Projekt wehren oder stillhalten. Und Stillhalten scheide aus, "weil ich nicht weiß, welches Störfallrisiko mir hier vor die Nase gesetzt wird!" Er stellt sich jetzt wieder diesen Gabelstapler vor, der versehentlich zwei Flaschen Flusssäure, Phosphin, Arsin oder ähnliches Teufelszeug aufspießt. Kein Mensch hier wisse, was in einer Riesenfabrik mit so giftigen Chemikalien alles passieren könne. Niemand habe die Fragen der Nachbarn dazu beantwortet. Stattdessen gab es Geheimniskrämerei und dumme Sprüche. Tatsächlich könnte die mangelhafte Information der Anwohner ein ebenso fataler wie unnötiger Fehler der Planer gewesen sein. Denn Sicherheitsfragen sind bei anderen derartigen Projekten längst geklärt worden. Hätte man den Anrainern die Sicherheitsvorkehrungen erläutert, müsste Marquardt sich jetzt nicht aufregen: "Die Frage ist doch nicht, ob es hier einen Störfall geben wird, sondern wie oft und wie schwer!", sagt er empört.

Randolf Trimbuch dagegen hat keine Bedenken, dass die Fabrik den Anwohnern gefährlich werden könnte. Als Leiter des so genannten InvestorCenters rekrutiert Trimbuch das Personal für die künftige Chipfabrik. "Es ist doch nicht Sinn der Sache, dass da jetzt jemand Gesetzeslücken sucht undeinfach einen Baustopp erreichen will", sagt er. Solche Sprüche hält der Wessi Marquardt vermutlich für Ossi-Logik: vordergründig einleuchtend, aber wenig fundiert und vor Gericht belanglos.

Marquardt weiß, dass nicht alle in seiner Umgebung gegen die Chipfabrik sind. Insofern findet er es "affig, wenn die Lokalpresse jetzt die Siedlung nach Leuten abgrast, die dafür sind." Es gibt eine Bürgerinitiative von gut 30 Leuten, die die Chipfabrik genauso wollen wie alle hier, nur eben nicht am geplanten Standort. Sie wissen, dass ein Scheitern des Projektes für Frankfurt mit seiner Arbeitslosenquote von 19,6 Prozent eine Katastrophe wäre.

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