Boxen : Die simulierte Gefahr

Auf Stützrädern in die Steilkurve, mit Vollgas aufs Glatteis: Im ADAC-Fahrsicherheitszentrum sollen die Gefahren des Straßenverkehrs trainiert werden

Claus-Dieter Steyer

Linthe. „Runter vom Gas, Bremse antippen, vorsichtig gegensteuern, Nerven behalten!“ Die Instruktionen des Fahrtrainers sind gut gemeint, helfen aber wenig, denn es geht steil bergab auf spiegelglatter Fahrbahn und am Ende wartet eine scharfe Rechtskurve. Es ist unmöglich, das Auto auf richtigem Kurs zu halten. Der Wagen macht, was er will. Er dreht sich, rutscht und kommt schließlich doch zum Stehen: quer zur Fahrbahn.

Glücklicherweise hatte die Schleuderpartie keine Folgen. Denn sie fand auf einer Teststrecke des neuen ADAC-Fahrsicherheitszentrums im 50 Kilometer südwestlich Berlins gelegenen Linthe statt. Ein spiegelglatter und nasser Untergrund simuliert eine tückische Autofahrt im Winter. „Wir reduzieren die Haftfähigkeit der Reifen gegenüber einer trockenen Straße um 80 bis 90 Prozent“, sagt ein Experte am Start dieser Bergfahrt. Auch der zweite Versuch endet nicht viel besser als der erste Test. Mitten auf der Abfahrt schießen plötzlich Wasserfontänen aus dem Boden in die Höhe. Sie müssen als Hindernisse möglichst gekonnt umfahren werden. Aber die Frontscheibe wird nass. Das Bremsen kommt zu spät. Nächster Versuch.

Acht verschiedene Trainingsabschnitte stehen auf dem Gelände einer früheren Kiesgrube an der Autobahn A 9 Berlin – Leipzig den Motorrad-, Auto-, Lkw- und Busfahrern zur Verfügung. „Wir bieten unseren Gästen viele alltägliche Gefahrensituationen im Straßenverkehr“, erklärt Geschäftsführer Peter Thiesen. „Bei uns lernt man, sie besser zu bewältigen.“ Die Teilnehmer hätten die Chance, ihre persönlichen Grenzen und die ihres Fahrzeuges gefahrlos auszutesten. Erfahrene Trainer vermittelten Fahrtechniken, um Unfälle möglichst zu verhindern.

Auf der Fläche mit der Größe von 25 Fußballfeldern entstanden eine ABS-Piste mit Beton-, Basalt-, Asphalt- und Gleitbelag, ein Aquaplaning-Kurs mit einem Wasserbecken, eine Berg- und Talbahn zum Testen des richtigen Anfahren bei Glätte und eine Piste für Geländewagen. Spektakulär sind die engen Kreisbahnen für Lkw und Busse. Zur Demonstration drückt ein Tanklastzug in der engen Kurve aufs Tempo und gerät ins Schleudern. Nur die seitlich angebrachten Stützräder verhindern ein Umkippen. Bei einer zu schnell genommenen Autobahnausfahrt wären die Folgen fatal gewesen. Speziell für Auto- und Zweiradfahrer sind die hydraulisch bewegbaren Platten im Asphalt gedacht. Sie heben sich auf Knopfdruck und lassen das Heck oder Hinterrad ausbrechen. Nur mit Routine sind solche Situationen zu beherrschen.

Da 90 Prozent der Verkehrsunfälle aus Fahrfehlern resultieren, will der ADAC sein Engagement im Sicherheitstraining verstärken. Bis 2004 sollen weitere fünf solcher Zentren in Deutschland entstehen. „Derzeit nehmen jährlich 110 000 Autofahrer an Trainingskursen teil, es sollen einmal eine Million werden“, sagt ADAC-Chef Peter Meyer. Im Blick hat der Club vor allem Fahranfänger, die mit Vergünstigungen auf die Trainingspisten gelockt werden sollen. Wer mindestens einen halben Tag in so einem Zentrum bucht, könnte etwa einen niedrigen Prämiensatz in den ADAC-Versicherungen erhalten. Außerdem diskutieren die EU-Minister Pläne, Sicherheitstrainings zur Pflicht von Fahrschülern zu machen.

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