Boxen : Enteignet und für die Jagd verkauft

CLAUS-DIETER STEYER[JÜTERBOG]

Die Bodenreform traf viele Bauern mit WaldeigentumVON CLAUS-DIETER STEYER, JÜTERBOGDer Rentner Karlheinz Niendorf läuft verbittert am Wald von Oehna bei Jüterbog vorbei."Das ist Vaters Eigentum gewesen und jetzt verdient sich ein westdeutscher Großreicher mit der Verpachtung als Jagdgebiet seine goldene Nase damit", sagt Niendorf.Schuld daran sei nur die "völlig ungerechte Bodenreform" nach Kriegsende.Der Wald sei enteignet und von den sowjetischen Militärs konfisziert worden.Nach der Wende habe die Fläche das Land Brandenburg erhalten, das diese jetzt meistbietend verkaufe."Da soll ich noch an Gerechtigkeit glauben?" fragt Niendorf. Die zusammen mit seinen zwei Geschwistern gestellten Rückgabe-Ansprüche seien stets mit dem Schlagwort von der Unantastbarkeit der Bodenreform abgeschmettert worden.Er habe sich in den letzten Jahren auf Veranstaltungen den Mund fusselig geredet und viele Briefe geschrieben.Nichts sei geschehen.Auch sein emotionaler Auftritt auf einem kürzlichen Forum der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung über die Bodenreform in Potsdam konnte ihm nicht helfen.Weder der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere noch Brandenburgs Justizminister Hans Otto Bräutigam machten ihm Hoffnung auf Lösung seines Falles. Niendorf teilt das bisher weitgehend unbekannte Schicksal von vielen zwischen 1945 und 1949 enteigneten Familien, die beileibe keine großen Gutsbesitzer waren.Ihre einzelnen Ackerflächen waren kaum größer als 50 Hektar.Nur zusammen mit dem Wald kamen diese Bauern über die ominöse Zahl von 100 Hektar, die ausschlaggebend für die Vertreibung von Grund und Boden in der sowjetischen Besatzungszone waren.Im kleinen Dorf Oehna, 90 Kilometer südlich Berlins, traf der Räumungsbefehl gleich sieben Bauernfamilien. Karlheinz Niendorf holt die vom Landrat des damaligen Kreises Schweinitz unterzeichnete Weisung vom 22.Dezember 1945 hervor.Innerhalb von 48 Stunden, also bis spätestens Heiligabend, mußten die Familien Oehna verlassen.Zugelassen war nur Handgepäck, in dem sich keine Wertsachen befinden durften.Bestimmungsorte dieser Transporte hießen Sangerhausen und Querfurt am Rande des Harzes.Bei Widersetzen wurde Verhaftung durch die Polizei angedroht. In der ganzen Ostzone existierten detaillierte Listen mit Namen und Geburtsdaten aller "umzusiedelnden Familienmitglieder".In Mecklenburg-Vorpommern mußten sich Gruppen von bis zu 40 Personen zu festgelegten Sammelpunkten einfinden."Für jede Gruppe ist ein Transportführer zu bestellen und zur Begleitung ein Polizist zu bestimmen", heißt es in einer jetzt im Schweriner Landeshauptarchiv gefundenen Weisung des Mecklenburger Landespräsidenten vom 11.November 1945.Die Aufstellungen erfaßten sämtliche Familienmitglieder - vom einjährigen Sohn bis zum 70 Jahre alten Großvater.Die Mecklenburger Gutsbesitzer wurden größtenteils nach Thüringen umgesiedelt.NSDAP-Mitglieder und mutmaßliche Kriegsverbrecher mußten sich zunächst nach Rügen begeben. Das Eigentum der Familie Niendorf in Südbrandenburg wurde an landlose Bauern verteilt, im jetzt so strittigen Wald legten die sowjetischen Soldaten einen Schießplatz an.Die ganze Gegend rund um Jüterbog erhielt den Status eines abgesperrten Militärgebietes.Fast ein halbes Jahrhundert waren die Waldgebiete für die Öffentlichkeit tabu.Spätestens nach dem Abzug des letzten russischen Soldaten aus der Bundesrepublik am 31.August 1994 stellte sich die Frage nach der Zukunft dieser Flächen.Als frühere Militärgebiete gingen sie in die Verwaltung des Bundesvermögensamtes über. Doch schon kurze Zeit später überließ der zuständige Finanzminister Waigel die gesamten russischen Militärliegenschaften bis auf wenige Ausnahmen dem Land Brandenburg.96 000 Hektar befanden sich plötzlich im Bestand der eigens zum Verkauf dieser Flächen gegründeten Brandenburgischen Bodengesellschaft.Diese sucht seitdem Kaufinteressenten.Auf diese Weise gelangte nun auch der Wald bei Oehna in die Hände eines Käufers aus dem Westen.Karlheinz Niendorf schüttelt den Kopf. Lothar de Maiziere, erster und letzter Ministerpräsident einer demokratisch gewählten DDR-Regierung, konnte ihn nur wenig trösten."In der DDR haben viele Leute ihren Grund und Boden aus ganz unterschiedlichen Gründen verloren, beispielsweise durch das Verteidigungsgesetz oder das Bergrechtsgesetz.Wir können nicht einen Stein aus dem Mosaik der mit der Bodenreform geschaffenen Eigentumsverhältnissen herausbrechen.Dann fällt alles zusammen", erklärte de Maiziere auf dem Forum in Potsdam.Es sei 1990 der erklärte Wille der Volkskammer gewesen, die Ergebnisse der Bodenreform nicht anzutasten."Wir wollten einerseits die Nichtrückgabe des Bodens durchsetzen und andererseits ein sozialverträgliches Entschädigungsverfahren einleiten.Doch wir wußten selbst nach langen Recherchen nichts über das Ausmaß von Rückgabe-Ansprüchen." Die DDR-Regierung war von 400 000 bis 500 000 Vermögensanträgen ausgegangen.Die Zahl war tatsächlich viel zu niedrig angesetzt 2,3 Millionen Anträge stapelten sich in den Vermögensämtern, von denen im Schnitt die Hälfte abgearbeitet sind. De Maiziere bekäftigte erneut den sowjetischen Druck auf Anerkennung der Bodenreform bei den "2 plus 4 - Verhandlungen" 1990."Gorbatschow bestand auf die Unantastbarkeit, auch wenn er jetzt anderes behauptet", erklärte der heute wieder als Anwalt arbeitende Ministerpräsdient a.D.Während der Bodenreform wurden nach neuesten Erkenntnissen bis Anfang Januar 1950 mehr als 14 000 land- und forstwirtschaftliche Betriebe enteignet.Hier wirtschafteten 7100 Gutsbetriebe mit jeweils mehr als 100 Hektar Land - der Hof der Familie Niendorf war einer von ihnen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar