Boxen : Erotische Preise im Erlebnis-Discount

BORIS TRELLE

BERLIN .Der durchschnittliche Besucher eines Factory Outlet Center (FOC) gibt pro Visite im Schnitt 60 bis 70 Mark aus.Zielgruppe der Markenartikler, die in solchen Einkaufszentren zu Billigpreisen ihre Textilien und Schuhe absetzen, sind aber kaufkräftige Frauen im Alter von 24 bis 48 Jahren.Und wenn sich eine solche Dame ins FOC begibt, läßt sie im Schnitt 1440 Mark pro Besuch in den Geschäften.

Zu diesen Ergebnissen kommt ein Gutachten der Ludwigsburger Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung im Auftrag des Bundesbauministeriums.Anlaß für die Grundlagenuntersuchung waren die zahlreichen Pläne für FOC in Deutschland.Von Bedeutung ist das Papier gerade auch für Berlin-Brandenburg, da nach der Planung von mindestens drei Standorten in Ludwigsfelde, Wustermark und Eichstädt eine heftige Debatte über die FOC begonnen hat.

Ein Bedarf für die neuen Einkaufszentren ist nach Meinung der Gutachter eindeutig gegeben.Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage suchen auch Armani-Anhänger und Versace-Fans günstige Angebote "ihrer" Hersteller, schreiben die Autoren.Im "Smart-Shopping" suche der Image-bewußte Kunde "keine billigen Marken, sondern Marken möglichst billig".Entsprechende Erfolgserlebnisse führten insgesamt zum "Erlebnis-Discount mit Schnäppchencharakter und Preiserotik".Dieser habe auch kaum negative Effekte auf den Einzelhandel, vorausgesetzt im FOC verkaufen tatsächlich nur die teuren Markenhersteller.Sobald sich diese nicht ins FOC wagen - womöglich, weil sie nur eine Filiale der in Brandenburg geplanten FOC besetzen können - muß der Betreiber seine Ladenlokale anderweitig füllen.

Genau hier sieht das Gutachten die Gefahr: Im Handumdrehen könne sich das FOC zum Anbieter normaler Waren wandeln, womöglich ebenfalls zum Schleuderpreis.Auch könnten zusätzliche Investoren die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, um neben dem FOC gleich das reguläre Einkaufszentrum zu bauen und die Kundenströme des FOC ausnutzen.Der Einzelhandel hätte dann jene gefürchtete Konkurrenz, gegen die er seit Anbeginn der Debatte Sturm läuft.

Grund für derartige Panikmache gebe es aber auch wieder nicht, weil sich diese Befürchtungen bislang nicht bewahrheitet hätten, meinen die Autoren.Im Gegenteil: Bereits existierende europäische FOC hätten sich oftmals positiv auf ihre Nachbarschaft ausgewirkt, kann der aufgebrachte Einzelhändler nachlesen.Denn bei entsprechenden Verkehrsverbindungen zur Nachbarkommune fließe der Kundenstrom unter Umständen vom FOC zurück in die Fußgängerzone.Angesichts von 2,5 bis 3,5 Millionen Besuchern pro Jahr kein Pappenstiel, zumal es sich meist um neue Gesichter handle: Bevorzugte Ansiedlungsorte der FOC-Investoren sind zumeist Kleinstädte "mitten im Nichts" im Einzugsgebiet von Ballungszentren, die derartige Besucherzahlen vor Existenz des FOC nicht verzeichneten.Die Kundschaft aus der autofahrenden "mobilen Gesellschaft" dankt der Ansiedlung mit willig akzeptierten Fahrzeiten von ein bis zwei Stunden.

Allzu verständlich wird der Investorenwettlauf um die Berlin-nahen Standorte angesichts der erwarteten Geschäftsbilanzen.Britische FOC mit 12 000 bis 20 000 Quadratmetern verzeichnen Umsätze von 150 bis 160 Millionen Mark und bis zu 14 400 Mark pro Quadratmeter jährlich.Jeder Angestellte macht demzufolge einen Jahresumsatz von rund 350 000 Mark aus.

Nennenswerte Leerstände von Ladenlokalen der Standort-Gemeinden haben die Ludwigsburger dennoch nicht bemerkt.Und das Kritiker-Schlagwort "Job-Vernichtung" wird vollends zurückgewiesen: "So kann davon ausgegangen werden, daß massive Arbeitsplatzeinbußen im Einzelhandel kaum auftreten bzw.nicht nachweisbar sind", heißt es.Denn jeder Kunde fahre höchstens drei Mal pro Jahr ins FOC und decke dort seinen "mittelfristigen Bedarf".Der tägliche Einkauf finde demzufolge nicht statt.Zudem werde ein wachsender Wettbewerb unter den FOC zu einigen Pleiten führen.Und wer bleibt, sei marktverträglich.

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