Boxen : Festung zurechtgerückt: Burg Lenzen hebt ab

Claus-Dieter Steyer

Der Vergleich mit der Verschiebung des Kaisersaals auf dem Potsdamer Platz schien etwas verwegen zu sein. In Lenzen an der Elbe sollte laut Einladung schließlich nur ein Teil einer Burg um rund einen halben Meter angehoben werden. Das konnte doch niemals so spektakulär sein wie der vor einigen Jahren in alle Welt übertragene Transport eines ganzen Gebäudes um mehrere Meter. Doch der Architekt Andreas Rehmet bekannte sich gleich bei der Begrüßung zur "beabsichtigten Übertreibung". Ohne die Erwähnung des Kaisersaals hätte die Öffentlichkeit vielleicht gar nicht auf das Vorhaben in der Provinz reagiert. "Dabei ist unsere Arbeit in Lenzen genauso spannend und ungewöhnlich wie damals in Berlin", meinte Rehmet.

Tatsächlich neigte sich das alte Haus im Burghof bedrohlich zur rechten Seite. Selbst das benachbarte Gebäude wies breite Risse im Mauerwerk auf. Ein Absturz des von einem runden Turm gekrönten Ensembles von der Anhöhe in die Elbwiesen schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Etwa 60 Zentimeter waren die Grundmauern auf der rechten Seite ins Erdreich gerutscht. Ein Abriss der einsturzgefährdeten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert kam für den Burgherren nicht in Frage. "Das hätten die Denkmalschützer gar nicht zugelassen", erklärte Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler, Geschäftsführer des Landesverbandes Niedersachsen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND). Der BUND ist seit 1993 Eigentümer der Burg. Leoni Kreckel, deren Rückübertragungsanspruch erfüllt worden war, schenkte die Anlage dem Umweltverband. Dieser will hier im Sommer 2002 ein "Europäisches Zentrum für Auenökologie" eröffnen. Unter anderem sind 60 Übernachtungsplätze vorgesehen.

Die vielen Schaulustigen konnten den entscheidenden Akt der Hebung des Gebäudes nur aus gesicherter Entfernung verfolgen und deshalb nur erahnen. Schließlich bewegte sich das Haus gestern und vorgestern über mehrere Stunden nur millimeterweise nach oben. Bis auf die Geräusche der Hydraulik-Pumpen verlief die Aktion nahezu geräuschlos. "Wenn es im Gebälk knackt oder knirscht haben wir schlecht gearbeitet", meinte der Architekt Andreas Rehmet. "Schließlich sollten die Mauern nicht auseinanderbrechen." Seine Berechnungen stimmten am Ende. Bis acht Meter Tiefe hatte er unter die Kellerräume zahlreiche Betonpfähle rammen lassen. Ein Computerprogramm überwachte jeden Schritt. Zum Schluss füllte eine dicke Betonschicht den Hohlraum.

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