Boxen : Freie Fahrt für freie Waren

Die kilometerlangen Lastwagen-Staus an der polnischen Grenze sind nach dem Wegfall der Zollkontrollen verschwunden

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder). Etwas wehmütig inspizierte gestern die Chefin des großen Lkw- Zollhofes den riesigen Platz vor dem Grenzübergang Frankfurt (Oder). Das letzte Mal war das Gelände an der Autobahn vor fast genau zehn Jahren so leer, erzählt Silvia Gosemann, Geschäftsstellenleiterin der Firma Garonor. „Damals wurde der Platz gerade eröffnet, um den Stau von der Fahrbahn zu holen.“ Das sei trotz der schrittweisen Vergrößerung der Fläche nur teilweise gelungen, weil die Zahl der Lastzüge zwischen West und Ost ständig zugenommen habe. „Nun ist die Zollkontrolle weg, und fast alle Lkw fahren an uns vorbei. Irgendwie schade.“

Tatsächlich parkten am Montagvormittag nur ganze sechs Lastwagen auf dem Platz, der für 960 von ihnen reicht. Ein Fahrer aus Kasachstan holte im „Magazin“-Geschäft seinen vor zehn Tagen bestellten Mikrowellen-Herd ab, ein russischer Kollege schaute im Reifenhandel vorbei, und die anderen trafen sich zum Schwätzchen auf Polnisch. Alle fuhren freiwillig auf den einstigen Zollhof. Pünktlich um Mitternacht vom Freitag auf Sonnabend waren mit dem EU-Beitritt Polens die Abbiege-Schilder für Lkw an der Autobahn überklebt worden. Seitdem können alle direkt bis zum Grenzübergang auf der anderen Seite der Oder durchfahren, wo der Grenzschutz lediglich die Ausweise kontrolliert.

„Innerhalb von knapp drei Stunden waren alle 960 bei uns parkenden und die 1000 auf der Autobahn wartenden Lastzüge verschwunden. So ein Tempo hatten wir wirklich nicht erwartet“, sagt Silvia Gosemann. Sie erinnert sich noch gut an Tage vor Ostern oder Pfingsten, als die Wartezeit manchmal mehr als 24 Stunden betrug.

Die Zukunft der großen beleuchteten Asphaltfläche ist ungewiss. Bis September 2005 gehört sie noch der hessischen Logistikfirma Garonor. Vielleicht entsteht hier ein ganz gewöhnlicher Autohof mit Tankstelle, Restaurant und Toiletten. Ob sich bis dahin die „Magazine“ halten können, ist fraglich. Bislang liefen hier die Geschäfte mit Elektronikwaren, Lebensmittel, Spielsachen, Waschmitteln und anderen Dingen prächtig. „Die Fahrer hatten schließlich viel Zeit und kaum andere Möglichkeiten zum Einkauf“, erzählt eine Verkäuferin.

Schätzungsweise rund 120 Jobs bei Speditionen und Agenturen sollen durch den Wegfall der Zollkontrollen beiderseits der Oder allein im Frankfurter Raum unnötig werden. Beim Zoll selbst gibt es keine Entlassungen. Er baute mobile Ermittlungstrupps für die Stichprobenkontrolle im Hinterland auf und verstärkte die Trupps zur Bekämpfung von Schwarzarbeit. Auch auf polnischer Seite gehören die Lkw-Schlangen an der Grenze der Vergangenheit an. Für die Passage genügt der Personalausweis. Ab und zu schauten gestern Grenzpolizisten bei einigen Fahrzeugen auf die Ladefläche, um nach möglichen illegalen Einwanderern zu suchen. Doch das Ausmaß der Kontrollen hielt sich bisher in Grenzen.

Viele Fahrer teilten die Nachricht von der reibungslosen Abfertigung gleich telefonisch ihrer Firma mit. Die Zeitersparnis macht eine Produktionsverlagerung nach Osteuropa noch lukrativer. Allein das VW-Werk im 150 Kilometer hinter der Grenze gelegenen Poznan schickt täglich 120 Lastzüge über den Grenzübergang Frankfurt. Dazu kommen 40 bis 60 Eisenbahnwaggons. Und auch im Güterverkehr verkürzt sich die Reisezeit.

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