• Jugendstudie: Heimliche Ernte aus Omas Vorgarten. Wie sich ein märkisches Dorf durch Haschisch-Anbau veränderte

Boxen : Jugendstudie: Heimliche Ernte aus Omas Vorgarten. Wie sich ein märkisches Dorf durch Haschisch-Anbau veränderte

Peter Maximilian

In Brandenburg nimmt der Drogenmissbrauch dramatisch zu, warnen Polizei und Bildungsministerium. Eigentlich galt dieser bislang eher als ein Randproblem, das sich zudem auf die Städte konzentriert. Aber inzwischen greifen auch die Jugendlichen in märkischen Dörfern immer häufiger zu Rauschgift, oft unbemerkt von der Erwachsenen-Welt. Wir drucken hier den Bericht eines Jugendlichen, wie die Droge den Alltag der Dorfjugend verändert. Den Namen des Autors haben wir auf seinen Wunsch hin verändert.

Es wird Abend in unserer 200-Seelen-Gemeinde im Fläming. Kein Dorfbewohner ist mehr auf der Straße zu sehen. Die Älteren sitzen hinter den heruntergelassenen Rollos, viele schauen Fernsehen. Und die Jugend macht ihr eigenes Ding.

Seit einigen Monaten verschwinden einige junge Leute zwischen 13 und 18 Jahren dann im Wald. Ab und zu drehen sie sich um: Niemand von den anderen Jugendlichen soll ihnen folgen, keiner von den heimlichen Ausflügen erfahren. Diese Geheimniskrämerei hat die bisherige Gemeinschaft der Jugendlichen zerrissen. Bisher hat man seine Freizeit immer zusammen verbracht. Viel ist hier ja hier sowieso nicht los.

Eine Stunde später, es ist oft schon dunkel, kommen die "Waldgänger" zurück: Laut lachend, mit nervösem Gesichtsausdruck und glasigen Augen. "Die meisten von denen sind danach total weggetreten. Was sie sagen, klingt konfus, ist zusammenhanglos dahingefaselt", erzählt die 19-jährige Dorothea, deren 14-jähriger Bruder zur Kiffer-Clique gehört. Fragt man am nächsten Tag, sind die Antworten, die man erhält, nur knapp. Oft erhält man keinerlei Antworten. Heimlichtuerei, Geflüster im märkischen Dorf. Alte Freunde werden wieder und wieder belogen. "Sabine und ich waren mal richtig gute Freundinnen. Aber seit sie in den Wald geht, lügt sie mich nur an", sagt die 16-jährige Ulrike. Natürlich hören die nächtlichen Streifzüge nicht auf. Immer öfter treffen sich diese Jugendlichen auch im dörflichen Jugendraum, in dem danach ein süßlicher Haschisch-Geruch in der Luft liegt. Nur Eingeweihte dürfen rein, für andere Jugendliche ist abgeschlossen.

"Der Jugendraum gleicht einer Festung. Wer nicht mitraucht, ist nicht cool, wird ausgeschlossen und missachtet", berichtet Dorothea. Die Kiffer bilden eine Gruppe für sich. Die anderen gelten als Spießer. Aber natürlich weiß unter den Kids inzwischen jeder, was läuft.

Ganz sorglos spaziert etwa Markus mit einem Hanfblatt in der Hand durchs Dorf und grient: "Frische Ernte". Besorgt von Bekannten aus Berlin, eingepflanzt im Vorgarten der Oma, "die ja eh nicht weiß, wie so was aussieht." Und sich allenfalls wundert, warum der Enkelsohn so oft gießt... Und die Eltern?

"Die merken nichts", sagt Dorothea. "Heimlich schleichen sich die Waldgänger nach ihrer Kifferei ins Bett und am nächsten Morgen ist wieder alles in Ordnung." Und einen Tipp zu geben, traue sich auch keiner. "Dann bricht alles zusammen, sind wir die Bösen und Petzen." So sieht der Bürgermeister ab und zu nach dem Rechten im Club, und bleibt trotzdem ahnungslos. Es wird weiter Gras wachsen in diesem märkischen Dorf, die Jugendlichen werden Omas Vorgarten gießen und leise flüstern...

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